Gaumenkitzel: Rezension – LiteraTour 4

Posted on 15. April 2011

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Die Feder kitzelt den Schreiber und der Text den Lesergaumen:

Bitte, was soll man jemandem schenken, der schon alle Kochbücher hat? Oder keinen Platz mehr für weitere Großformate? Es muss schon ein Mensch sein, der  das Kochen und das gute Essen gleichermaßen liebt und zelebriert, sonst geht es nur bedingt. Und er muss gerne lesen. Kurzgeschichten zum Beispiel. Am besten, jemand der immer zwischen Kochtopf und Lesesessel pendelt. Das ist der ideale Empfänger für das Buch „Gaumenkitzel“ aus dem Verlag „STORIES & FRIENDS“.

Kurzer Rezensionshappen für den Hunger zwischendurch

Das Buch ist im deutschsprachigen Raum gewissermaßen konkurrenzlos, weil es wunderbare Kochrezepte mit Kurzgeschichten verknüpft. Das besondere Konzept: Menüs und literarische Texte sind so aufeinander bezogen, dass jedes Menü (selbstredend) aus einer Anzahl von Gängen besteht und jedem dieser Gänge in jedem Menü eine Story zugeordnet ist. Eine wirklich originelle Idee, die wohl nur in einem Verlag entstehen kann, der sich mit innovativen Produkten eine Marktnische erobert hat. Genussbücher zum Verschenken. Hauptsächlich, aber nicht nur dem Kulinarischen gewidmet.

„Gaumenkitzel“ wurde mit dem deutschen WCBA (Gourmand World Cookbook Award, nationale Ausscheidung) prämiert und dabei ist es gar kein (reines) Kochbuch.

Die Menüs sind gut, so unser Eindruck nach dem, was wir aus dem einen oder anderen Kochkurs wissen und nachbilden können, sowie aus unserer Erfahrung mit einigen besseren Restaurants. Da wir selbst auf dem Gebiet keine Profis sind, haben wir uns die Qualität der Menüs von Menschen vom Fach bestätigen lassen und es anhand anderer Rezensionen noch einmal überprüft. Die hier beschriebenen Gerichte kann man auch kochen, wenn man selbst nicht nach den Michelin-Sternen greifen will, schön und variantenreich zusammengestellt sind die Menüs auch.

Die überwiegende Anzahl der Kurzgeschichten ist gut bis sehr gut geschrieben, das korrespondiert qualitativ mit den Menüs. Für Gutesser vergnüglich zu lesen, wie intensiv Essen auch in die Storys eingewoben ist. Man erwartet einen gewissen Rhythmus von sanftem Genuss des Alltags und diesen besonderen, herausragenden Gelegenheiten. Man will sich allerdings an keinem Tag den Magen verderben. Wir versichern, das wird beim Kochen nach den Rezepten und beim Lesen der Kurzgeschichten von „Gaumenkitzel“ nicht der Fall sein.

Erwähnen muss man, dass auch die Optik der Bücher absolut geschenktauglich ist. Kleine, sehr ansprechend gemachte Hardcovers zu einem Preis, der Wertschätzung für den Beschenkten erkennen lässt, aber nicht aufdringlich oder interpretierbar erscheint.

Das Kritiker-Menü

Über den Verlag STORIES & FRIENDS hat Der Wahlberliner bereits berichtet, umso gespannter waren wir, das erste Buch aus seinem Programm in Händen zu halten. Es fühlt sich gut an, das ist die erste frohe Botschaft. Optik, Coverqualität, Papier, Innen-Layout, alles passt zusammen und es ist auch kein dünnes Bändchen, sondern immerhin 350 Seiten stark. Designer werden sich über die Farbgestaltung des Covers freuen. Edles Grau, leicht gemustert, darin ein orangefarbenes Feld mit Grafik: Schreibfeder, in Weiß abgesetzt. Kann in jedes ambitionierte Bücherregal gestellt werden, ohne die Gesamtoptik zu zerstören. Das hebt „Gaumenkitzel“ schon aus den meisten Anthologien und auch aus der Masse an Hardcovers heraus, die jeden ästhetischen Anspruch konsequent negieren. „Gaumenkitzel“ lässt sich also nicht nur an Literaten, die ausschließlich inhaltlich interessiert sind, verschenken, sondern ist auch eine kleine, feine Visitenkarte des guten Geschmacks.

Zum Inhalt. Schließlich macht ein schicker Kochtopf noch kein feines Essen. Es ist der Koch! Hier haben 25 Textköche 31 Beiträge wachsen lassen, gepflückt, zugeschnitten, püriert, blanchiert, gewürzt, gegart und abgeschmeckt.

Faust I und II

Der erste Autor des Buches ist Faust. Benedikt Faust. Wenn man diesen Nachnamen trägt, bleibt einem gar nichts übrig, als Goethes Faust wenigstens mehrfach zu zitieren und auch selbst ein wenig zu dichten: „Da haben Sie den Tomatensalat“. Wir fanden’s nett und wirklich kein Mensch ist auf allen Gebieten gleichermaßen fit.

Dem aufstrebenden Sternekoch Benedikt Faust kommt eine Sonderstellung zu, ihm wurde zugestanden, dass er in die oben beschriebene Struktur des Buches noch ein eigenes Fünf-Gänge-Menü einfädeln durfte (zusätzlich den obligatorischen Gruß aus der Küche). Was uns auffiel: zwei Gänge direkt hintereinander entstammen dem Meer (Bouillabaisse, Jacobsmuscheln). Sämtliche übrigen Menüs weisen diese „Überschneidung“ nicht auf und enthalten äußerst leckere Sachen für jeden Geschmack. Wir verraten sie hier nicht einzeln. Etwas allgemeiner also: Unsere Favoriten aus verschiedenen Menüs waren einerseits die Rezepte „Hausmacher Art“ – Traditionelles, das nicht verstaubt daherkommt, sondern mit den heutigen Erkenntnissen über Material und Zubereitung neu interpretiert wurde. Dann die himmlischen, süßen Sachen zum Nachtisch. Vegetarier bitte den nächsten Satz überlesen: Ja, auch das eine oder andere Stück Fleisch, als wir’s uns in der Pfanne vorstellten, ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein vegetarisches Menü gibt’s nicht, aber man kann einzelne Gerichte ja in anderen Zusammenstellungen – oder alleine – zubereiten.

Bei den Kurzgeschichten haben wir uns einige Favoriten herausgegriffen und stellen sie hier besonders vor. Das heißt nicht, dass die übrigen Texte schlecht sind.

Ein besonderer Fall vor etwa fünfzig Jahren

Der Beitrag, der auf jeden Fall genannt und auch aus dem Kontext gelöst werden muss, ist Michael Zeidlers „Greensboro Four“. Weil er thematisch die anderen überragt. Der Autor schafft es mit sicherer und markanter Sprache, uns in die USA der frühen 60er zu führen. Und uns in einem Woolworth-Restaurant das Thema Rassentrennung und Bürgerrechte zu servieren. Tolle Figuren sind die vier unterschiedlichen Afroamerikaner, die sich Sitzplätze in einem für Weiße reservierten Restaurantbereich erkämpft, Gleichheitsrechte durchgesetzt und verfassungswidriges Südstaaten-Gewohnheitsrecht gebrochen hatten. „Hatten“, denn der beschriebene Vorgang ist real. Bei uns kaum bekannt, doch der Autor lebt in den USA und die amerikanische Wikipedia sagt einiges zur Sache aus. Essen hat in „Greensboro Four“ eine andere Bedeutung als in den übrigen Geschichten. Nämlich eine symbolische. Meatloaf oder kein Meatloaf, das ist hier die Frage, an der sich die Verwirklichung der Bürgerrechte scheidet. Ob es wirklich um Hackbraten ging, ist im oben als Quelle genannten Wikipedia-Artikel nicht belegt. Es passt aber. Der Text ist auch ein Solitär; kein anderer greift etwas auf, das über persönliche Konstellationen hinausgeht und sich wie „Greensboro Four“ traut, politisch zu werden.

Weitere Beiträge bestechen durch ihre Atmosphäre, ihre Sprache, gute Figuren und einfach dadurch, dass ihre Autoren gekonnt und individuell übers Thema Essen referiert haben. Da gehen wir nun einfach von vorne nach hinten durchs Buch und nennen diese Lieblinge.

Unsere weiteren Favoriten

Die Coverstory (die nicht fiktionalen Beiträge von Benedikt Faust lassen wir jetzt außen vor) stammt von Angela Hüsgen. Die Autorin versetzt sich in einen nicht besonders exponierten Mann und lässt ihn einen etwas anderen Feierabend erleben, als er einer älteren Frau näher kommt. Was und gefallen hat, ist die ungewöhnliche Figurenkonstellation, die außerhalb von üblichen Klischees angesiedelt ist. Auch solch ein Beitrag erfordert etwas Mut, weil nicht alles darin Hochglanz verströmt.

Den Titel „Im Zeichen des Klimawandels“ muss man augenzwinkernd lesen, wie auch die ganze Geschichte von Bodo Rudolf, in dem uns das Schwabenland ganz nah wird. Herrliche Familien-Figuren, die sich darüber streiten, ob man Schwäbische Riebelessupp von Hand riebelt oder besser mit der Maschine. Viele witzige Wendungen und Verschiebungen, darüber hinaus wegen der großen Dialekt- und Hochdeutsch-Sicherheit einer der stilistisch interessantesten Texte im Buch.

Noch schmunzelnd holen wir den Daimler aus der Doppelgarage und fahren nach Norddeutschland, wo wir mit Heike Gellert „Das winterliche Treffen der Butenostfriesen“ erleben und aufpassen müssen, dass wir nicht unversehens in einen Kugelhagel kommen. Ein Krimi ohne erkennbare Logikfehler, sprachlich versiert und mit kräftigen Figuren – jeder weiß, in Norddeutschland kommt es schon mal eher zu Anschlägen und Todesfällen im Streit um krisenfeste Rezepte als im eher entspannten Süden. Allerdings: Die kurzen, abrupt wechselnden Szenen und der nicht chronologische Aufbau in der kurzen Textform erfordern Lesekonzentration.

Schön fanden wir, wie Arno Endler uns zeigt, wie ein gutes Essen eine verkrampfte Situation entspannt und außerdem noch einem Baby einen schönen Namen gibt. Die Glaubwürdigkeit der Figuren und der Wandlung, welche die Stimmung im Verlauf der Gesichte erfährt, waren es, die uns angesprochen haben. Auch ein paar Urinstinkte werden geweckt, wie immer, wenn es ums Kinder bekommen geht.

Dazu passt die Geschichte „Großmutters Regiment“ von Jutta Ouwens. Atmosphärisch der gelungenste Text im Buch. Da ersteht der alte Ruhrpott, eine Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder auf. Sehr präzise beobachtend, absolut authentisch geschrieben, von so was können wir, zugegeben, nicht genug kriegen. Schade beinahe, dass es nur eine Geschichte im Buch gibt, die so viel Lokal- und Zeitkolorit vermittelt und einfaches Essen in karger Epoche literarisch schmackhaft macht.

Jetzt wird’s üppiger, jetzt kommt der Gegenentwurf. Denn an Anna Aldrians Festmahl in einem südsteierischen Schloss, apostrophiert als „Musikalischer Leckerbissen an Herzflattern“ kommt niemand vorbei, der eine gute Sprache schätzt und schräge Figuren in konventioneller innerer und äußerer Umgebung. Die Beschreibung eines hohen, kunstorientierten Milieus, auch der Wechsel der Erzählerin ins männliche Geschlecht, das kommt spielerisch daher und die Figur des Musikkritikers, der sich verzagt verliebt und verzagt einen Hund essenweise meuchelt, ist elegant, vergnüglich, hintersinnig. Da kann man (ihm) nicht böse sein – eben typisch österreichisch.

Wir fahren weiter auf dem Land herum, kommen von Südosten her nach Bayern und landen in Armena Kühnes „Auf das, was wir lieben.“ Der Text ist nicht erstrangig am Essen, sondern an seiner kleinen, anrührend-mystischen Geschichte orientiert, die Charme entwickelt und mit keiner anderen im Buch vergleichbar ist. Da wirkt nichts auf Ziel konstruiert, sondern intuitiv und mit Fantasie geschrieben. Bezaubernd. Schnell ein paar Pilze mitgegessen und wieder ins Auto gestiegen.

Gerade rechtzeitig über die Grenze nach Rot-weiß-Rot gekommen, um festzustellen: „Bachkrebs macht Schumann“. Anna Aldrian ist die einzige Autorin, der wir zweimal applaudieren. Wieder im sehr gehobenen Milieu angesiedelt, aber studiert wird dieses Mal das Dienstmädchen Elsa anhand eines Gerichtes von und mit Bachkrebsen, das sie so gut kann, dass es ein veritables Alleinstellungsmerkmal hergibt. Herrlich, wie die Seele dieser kleinen Figur uns durch die Geschichte trägt. Im Internvergleich ist allerdings liegt der „Musikalische Leckerbissen“ vorne, weil er das konzentriertere Textstück darstellt.

Ein konzentrierter Text ist auch der nicht nur titelweise recht kurze „Schoo“ von Mareike Fröhlich. Endlich eine Geschichte, die aus der Sicht einer Speise geschrieben ist. Dazu noch edelste Schokolade. Ein Schade-Ende, ja, wir haben richtig mitgetrauert, mit der Schokolade. Sehr geschickt die Gefühlssaite „verlassen sein“ gezupft, hier werden große Erwartung und tiefe Enttäuschung gut gespiegelt – und der Schluss ist eine Pointe. Kompliment für einen Text, der uns mit ganz einfachen Mitteln berührt hat, obwohl der emotionale Anker kein Mensch, sondern ein simples Stück Schokolade ist.

Wir mussten ein wenig blättern, bis wir zu Marianne Glassers kurzem Linsentopf namens „Das Lieblingsgericht“ kamen. Das ist die präziseste Analyse einer Beziehung anhand von Essen im Buch. Gar keine Frage, da weiß jemand Bescheid, wie man emotionale Defizite und unerfüllbare Sehnsüchte bestens in Suppe und in Sprache umsetzt. Jedes Wort in dem Text hat eine Bedeutung und so schreiben zu können, ist eine Fähigkeit, die für sich steht.

Ein herausragender Text und ein Dutzend Favoriten, da muss auch ein wenig Kritik in der Kritik sein

Einige Geschichten bedienen das klassische Mann-Frau Schema. Auch in dem Sinn klassisch, als beinahe alle diese Geschichten geradezu revanchistische Züge aufweisen. Wir dachten, wir seien im modernen Rollenspiel weiter, als es dort gezeigt wird. Einiges wirkt an der falschen Stelle strukturkonservativ, manchmal zieht sich ein gewisser Mief auch durch den ganzen Text. Und es wird sehr persönlich geschrieben. Kaum verhüllte eigene Konflikte werden ausgelebt, nicht immer auf gutem sprachlichen Niveau (das ist in Wirklichkeit nicht anders, aber wir sind ja hier bei der Literatur). Das könnten Erzählstimmen sein, die man nicht auf die Autoren übertragen darf, doch letztlich bleibt der Eindruck derselbe.

Dass genau diese Texte auch klischeebeladen wirken, hat uns nicht überrascht, kaum gestört. Denn viele Menschen leben doch im Klischee und ihr Klischee. Im Gegenteil, nach dem Ende einer solchen Story haben wir aufgeatmet und gedacht: Verdammt, man kann im Leben nicht alles haben – aber wenigstens gibt’s auch keine Beziehung, in der Essen zum Vehikel für Hassgefühle wird. Drei, vier Texte weniger von diesem Befindlichkeitskaliber, und das Buch wäre für uns eine 5/5 gewesen und ein Maximum an Genuss.

Auch, weil wir sehr wohl wissen, dass es in Kurzgeschichten-Anthologien gewisse Schwankungen gibt und auch so etwas wie den persönlichen Geschmack des Kritikers, gehen wir davon aber trotz der Kritik am Ende nur wenig davon ab.

Hol’s der Geier, jetzt ist es so spät geworden, dass es eng wird, mit dem grünen Salat an Bio-Putenbruststreifen (oder umgekehrt), vor dem Tatort … schnell noch die Bewertung:

4,5/5 – besonders empfehlenswert!

DWB/AP/11-04-15

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