Der allererste Film
“Fahrstuhl zum Schafott” ist nicht nur ein Klassiker des französischen Kinos, er ist nicht nur ein besonders schwarzer schwarzer Film und hat die zuvor weitgehend unbekannte Jeanne Moreau auf einen Schlag berühmt gemacht, er hat für uns auch eine besondere Bedeutung.
Es war wohl in der achten oder neunten Klasse, da hatte unser Deutschlehrer uns diesen Film vorgeführt, von dem er offenbar gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen war – Ersteres wegen der Dramatik und der formalen Besonderheiten des Filmes, Letzteres wegen einer antideutschen Tendez, die in den Szenen mit dem Ehepaar Becker sichtbar wird.
Mit einigen Filmen, die diesem noch folgten und mit denen der Deutschlehrer unsere Interpretationsfähigkeit fördern wollte – in der Klasse musste “Fahrstuhl zum Schafott” natürlich diskutiert werden – hat der Mann wohl dazu beigetragen, dass unsere Liebe zum Medium Film entstand und schon ein oder zwei Jahre später zu umfangreichen Filmlisten führte, von Version zu Version immer wieder neu auf Papier getippt, mit einer elektrischen Schreibmaschine. Alles Filme, die wir gesehen hatten. Enthalten waren auch erste Kurzkritiken. Den Umfang dieser Liste wird die Filmanthologie niemals haben, obwohl inzwischen ein paar Jährchen ins Land gegangen sind und ein paar neue Filme hinzukamen, die unbedingt besprochen werden sollten.
“Fahrstuhl zum Schafott” war nicht der allererste Film, den wir gesehen hatten, aber wenn man sich anschaut, wie hoch er heute noch gehandelt wird – oder gerade heute – dann hatte unser Lehrer eine exzellente Kennerschaft des Mediums bewiesen, die bei traditonellen Germanisten zu der Zeit nicht gerade häufig anzutreffen war.
Da über diesen Film viel geschrieben wurde, fanden wir, es macht sich gut, vor der Rezesion etwas zu schreiben, das persönlich ist und damit nicht in den Verdacht kommt, den Spuren der anderen zu folgen.
Handlung
Der ehemalige Offizier Julien Tavernier und Florence Carala sind ein Liebespaar. Doch Florence ist mit dem deutlich älteren Rüstungsunternehmer Simon Carala verheiratet, in dessen Unternehmen Tavernier arbeitet. Florence drängt Julien, den Ehemann zu beseitigen. Tavernier glaubt, den perfekten Mord geplant zu haben. Am Samstagabend überredet er seine Sekretärin, noch länger zu bleiben, ihn aber nicht in seinem Büro zu stören. Über den Balkon des Hochhauses, in dem das Unternehmen Carala residiert, klettert er mit Hilfe eines Wurfankers und eines Seils unbemerkt eine Etage höher und dringt in das Büro seines Chefs ein. Nach einem kurzen Dialog tötet er ihn kaltblütig mit dessen eigener Pistole und arrangiert die Tat geschickt als Selbstmord. Daraufhin kehrt er in sein Büro zurück und fährt zusammen mit der Sekretärin und dem Hausmeister Maurice mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Er verabschiedet sich und geht zu seinem Auto, das gegenüber vor einem Blumenladen parkt.
In dem Blumenladen arbeitet die junge Veronique, die Tavernier bewundert und gerade Besuch von ihrem kriminellen Freund Louis hat. Tavernier macht seinen Wagen fahrbereit. Er wirft seinen Trenchcoat auf den Sitz, öffnet das Cabrioletdach und startet den Motor. In diesem Augenblick entdeckt er, dass ihm ein Fehler unterlaufen ist. Deutlich sichtbar baumelt an der Fassade des Firmengebäudes noch das Seil. Er eilt in das Gebäude zurück und fährt mit dem Aufzug nach oben. In diesem Augenblick schaltet der Hausmeister Maurice aber den Strom ab und schließt das Gebäude von außen. Tavernier steckt fest.
Inzwischen unterhält sich Veronique mit Louis über Julien Tavernier. Louis beschließt impulsiv, das parkende Auto zu entwenden. Veronique begleitet ihn, und zusammen verlassen sie Paris in Richtung Autobahn. Florence, die nervös Tavernier erwartet, bemerkt das Auto ihres Geliebten im Vorbeifahren, sie erkennt die Blumenverkäuferin Veronique, kann den Fahrer aber nicht sehen. Verzweifelt glaubt sie, Tavernier habe sie verlassen. Wie in Trance bewegt sie sich durch das beginnende Nachtleben, begleitet von ihren aus dem Off gesprochenen Gedanken und der eindringlichen Musik von Miles Davis. Auf der Suche nach Tavernier streift sie durch den nächtlichen Regen, durch Bars und Cafés.
Inzwischen haben Veronique und Louis in Taverniers Auto eine Pistole und einen kleinen Fotoapparat entdeckt. Auf der Autobahn liefern sie sich ein Wettrennen mit einem Mercedes 300 SL aus Deutschland, dessen Insassen sie an einem Motel kennenlernen. Es handelt sich um Horst Bencker und seine Frau, der das junge Paar zu sich aufs Zimmer einlädt. Veronique gibt Louis als Julien Tavernier aus und behauptet, dessen Ehefrau zu sein. Die beiden Paare verbringen den Abend zusammen, sie betrinken sich und Frau Bencker macht noch ein paar Fotos mit dem gestohlenen Fotoapparat. Währenddessen versucht Tavernier verzweifelt, aus dem Aufzug zu entkommen, und Florence irrt weiterhin auf der Suche nach ihm durch das Pariser Nachtleben.
Mittlerweile ist es späte Nacht. Louis weckt seine Freundin, um mit ihr aus dem Motel zu verschwinden. Louis versucht den Mercedes zu stehlen, er stellt sich dabei aber ungeschickt an und wird von Bencker und dessen Frau ertappt. Er tötet beide mit Taverniers Pistole und flieht mit Veronique zusammen im Sportwagen nach Paris. Sie verlassen das Auto, begeben sich in Veroniques kleine Wohnung und planen dort ihren Selbstmord. Mittlerweile wurde Florence bei einer Polizeirazzia festgenommen und auf das Revier gebracht. Kurz bevor man sie gehen lässt, wird sie von Inspektor Cherier befragt. Er möchte wissen, ob sie Tavernier kennt und wann sie ihn zuletzt gesehen hat. Sie schildert ihre Beobachtung vom Vorabend und erfährt, dass ihr Geliebter inzwischen landesweit wegen des Mordes an den beiden deutschen Touristen gesucht wird.
Irritiert sucht sie Veronique auf und findet sie zusammen mit ihrem Freund in der Wohnung nach einem gescheiterten Selbstmordversuch. Sie begreift die Zusammenhänge und verständigt anonym die Polizei. Veronique und Louis erkennen jedoch, dass nicht sie wegen Mord gesucht werden, sondern Tavernier. Jetzt fällt ihnen auch die kleine Kamera wieder ein, der einzige Beweis, der sie noch überführen könnte. Louis bricht überstürzt auf einem Motorroller zum Motel auf, Florence folgt ihm mit dem Auto. Inzwischen beginnen Polizeibeamte mit der Durchsuchung von Taverniers Büro. Der Hausmeister Maurice öffnet ihnen die Türen und schaltet den Strom ein. Die Polizisten fahren nach oben, und Tavernier kann gerade noch unbemerkt aus dem anderen Aufzug entkommen. Während Julien nun seinerseits die Suche nach Florence beginnt, entdeckt Maurice die Leiche von Carala. Schon wenige Minuten später wird Tavernier in einem Café verhaftet, er wurde sofort erkannt, da sein Foto bereits auf den Titelseiten aller Zeitungen steht.
Louis trifft inzwischen, unauffällig verfolgt von Florence, im Motel ein. Er sucht sofort das Fotolabor auf, wo er den Film vermutet. Er dringt in die Dunkelkammer ein, in der der Laborant gerade die Fotos von Louis und dem Deutschen vergrößert. Doch der Laborant ist nicht allein, Inspektor Cherier und ein paar Polizisten warten bereits. Louis wird festgenommen, und als nun auch Florence das Labor betritt, wird sie von Cherier mit den übrigen Fotos, die in der Kamera waren, konfrontiert: Sie zeigen Julien und Florence als glückliches Paar. Florence erkennt verzweifelt und erschrocken, dass alles umsonst war.
| Regie | Louis Malle |
| Drehbuch | Roger Nimier Louis Malle |
| Produktion | Jean Thuillier |
| Musik | Miles Davis |
| Kamera | Henri Decaë |
| Schnitt | Léonide Azar |
| Besetzung | |
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(Ausführliche Handlungsbeschreibung, Stab und Besetzung aus WIKIPEDIA. Der Wahlberliner unterstützt die Wikipedia.)
Rezension
1. Zeit und Umfeld
Der französische Film der fünfziger Jahre hat wunderbare Krimis hervorgebracht, die in der Tradition des amerikanischen Film noir stehen, man kann man aber auch von einer gegenseitigen Befruchtung ohne zeitliche Sukzession sprechen, denn schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es neben dem poetischen Realismus eine tragisch-fatalistische Variante des französischen Films, sie wird u. a. von Marcel Carnés “Hafen im Nebel” aus 1938 mit dem großen Jean Gabin in der Hauptrolle repräsentiert.
Zwanzig Jahre später entstand nun “Fahrstuhl zum Schafott” als erste Regiearbeit von Louis Malle, der kurz darauf mit “Die Liebenden” – wieder mit Jeanne Moreau als Protagonistin – bereits den Durchbruch schaffte.
Während man die Tradition des Film noir eindeutig zuordnen konnte, war die Einordnung als frühes Werk der Nouvefür dille Vague nicht so klar. Wir verweisen hier auf die Kritik von Roger Ebert in der Chicago Sun-Times, der diese Zuordnung vornimmt – der wir uns anschließen. Zwar ist “Fahrstuhl zum Schafott” bei weitem ruhiger und traditioneller gefilmt als etwa “Außer Atem” (1959) von Jean-Luc Godard, der von vielen als eine art Nouvelle-Vague-Urknall angesehen wird, aber er weist beachtliche Brüche mit bis dahin üblichen formalen Konventionen nicht nur das französischen Films auf. Geistig ist der Film allerdings weitaus weniger progressiv als in seiner Sprache.
Einige Kritiker haben dem Film rechte Tendenzen vorgeworfen und das ist nachvollziehbar. Malle gehörte jedenfalls nicht zu der Gruppe von Filmern (u. a. Godard und Jaques Truffaut), die sich als Avantgarde zunächst theoretisch und dann in ihren Werken positionierten – und deren politische Überzeugungen durchgängig linksgerichtet waren. Bei späteren Filmen Louis Malles wirkt allerdings die Haltung offen bourgeoisiekritischer als in “Fahrstuhl zum Schafott”. Wenn man Kritik an falschen Zielen und einem im Grunde hohlen Leben der Protagonisten als systembedingt ansehen, dann funktioniert das, was nicht gesagt, sondern nur gezeigt wird, allerdings auch auf dieser Ebene. Die Großbürger, die mit dem Tod handeln, die Manager, die fehlgeleiteten Frauen, sie werden umgebracht (der Waffenhändler Carala) oder richten sich durch ihre Verbrechen selbst (Florence, Julien).
Andererseits ist “Fahrstuhl zum Schafott viel radikaler und konzentrierter als etwa der dem Sprengstoff und der Revolution an sich zugeneigten “Viva Maria!” von 1965 oder den durchaus anarchischen und sehr bezaubernden “Zazie dans le métro” (1960).
2. Warum ist “Fahrstuhl zum Schafott” ein Film der Nouvelle Vague?
Irgendwo muss man die Grenzlinie ziehen. Nehmen wir also an, moralisch wäre der Film eher konservativ, was uns gar nicht sicher erscheint und wäre der in ihm deutlich sichtbare Existenzialismus nicht einem bestimmten Filmstil als philosophisches Credo zuzuordnen, dann bleibt das Formale als Messlatte.
“Fahrstuhl zum Schafott” ist nicht mit erratischen Szenenwechseln ausgestattet wie “Außer Atem”, aber er steht auch nicht mehr in einer Reihe etwa mit den Filmen von Jacques Becker, die jener mit Jean Gabin gemacht hat (interessanterweise gibt es einen Deutschen namens Becker in “Fahrstuhl zum Schafott” – möglicherweise hat Louis Malle mit dieser nachnamensgleichen Negativfigur ganz dezent andeuten wollen, dass er von der Tradition und dem gestrigen Denken, Handeln und Auftreten auch des Films Abstand nehmen wollte, denn diese Filme waren tatsächlich konservativ nicht nur im formalen, sondern auch im weltanschaulichen Kontext).
Jemand, der Konventionen aufbricht, gehört jedenfalls zur Avantgarde, vor allem, wenn diese Durchbrechungen weitere Filme beeinflussen und zum Stilwandel eines Kunstmediums in den kommenden Jahre beitragen werden. Es ist noch nicht alles perfekt und genau getimt – besonders die Schnittfolgen wirken manchmal willkürlich. Aber die realistisch-ungeschminkte Art, wie Jeanne Moreaus Nachtwanderung durch Paris inszeniert wird, mit den verschwommenen Hintergründen, mithin geringer Tiefenschärfe, mit den harten Kontrasten zwischen Dunkelzonen und unscharf-überhellen Lichtquellen, hat Filmgeschichte geschrieben. Licht und Schatten wechseln, Großaufnahmen von Moreau, die ein Gesicht so konturiert und ausdrucksleer-ausdrucksstark zeigen, wie man es zuvor noch nicht gesehen hat. Minutenlang beschäftigt sich Louis Malle mit diesem seltsamen Opfergang, unterbrochen immer wieder durch die Szenen, die Julien Tavernier (Maurice Ronet) im Fahrstuhl zeigen und durch den dritten Handlungsstrang, der das junge Paar Louis und Véronique (Georges Poujouly, Yori Bertin) ins Geschehen involviert.
Man muss diese außergewöhnlich interessant gefilmte Nacht der Florence Carala (Jeanne Moreau) vom übrigen Werk abgrenzen, denn der überwiegende Teil ist deutlich traditioneller und künstlerisch eher von anderer Qualität.
3. “Fahrstuhl zum Schafott” als Krimi und Thriller
Wenn man den Film der großartigen Musik von Miles Davis und der Nachtszenen mit Jeanne Moreau berauben würde, dann stünde die Handlung im Vordergrund, und die ist keineswegs frei von fragwürdigen Elementen und Momenten. In dieser Hinsicht erinnert uns “Fahrstuhl zum Schafott” unter anderem an die Filme von Pierre Melville, deren Plots ebenfalls nicht immer logisch zwingend sind – dort wird manches an Realismus der Stilisierung geopfert, wie etwa in “Le Samourai” (1967), diese Absicht möchten wir Louis Malle in “Fahrstuhl zum Schafott” nicht unterstellen.
Die Inszenierung des Mordes an dem Groß-Waffenhändler Simon Carala (Jean Wall) durch seinen Angestellten Tavernier kann vielleicht dem Hirn eines solchen Ex-Indochina-Kämpfers entspringen, immerhin war der Mann Fallschirmspringer und ist körperlich wohl in der Lage, sich an einem Seil ins nächsthöhere Stockwerk zu hangeln. Aber dieser Vorgang vollzieht sich in “Fahrstuhl zum Schafott” nicht an steilen Felsen im Dschungel, sondern mitten in Paris. Das ist der erste und einer der wichtigsten Momente in “Fahrstuhl zum Schafott”, die uns daran zweifeln ließen, dass die Figuren und der Regisseur alles so durchdacht haben, dass man von einem auch nur der Perfektion nahe kommenden Mord sprechen kann.
Das Risiko, dass jemand von einem der vielen Häuser aus, die im Bildhintergrund auftauchen, als Tavernier nach oben klettert, diesen Vorgang beobachtet, ist enorm groß, oder es könnte jemand zufällig von der Straße aus nach oben schauen und sich wundern, warum jemand eine solche akrobatische Übung vollführt. Spätestens am nächsten Tag, wenn der Beobachter in der Zeitung liest, dass just in jenem Gebäude ein bekannter Geschäftsmann tot aufgefunden würde, würde der Beobachter wohl zur Polizei gehen und seine Entdeckung melden. Auch das Alibi, das Tavernier sich dadurch verschaffen will, dass er die Sekretärin anweist, Überstunden zu machen, kann schnell brüchig werden, wenn diese nicht gerade einen elektrischen Bleistiftspitzer bedient, während der Schuss im Stockwerk darüber fällt oder aus irgendeinem Grund eben doch das Büro von Tavernier betritt. Das ist alles etwas sehr vage. Natürlich ist Tavernier kein professioneller Killer, aber dass er dann auch noch dieses sehr, sehr wichtige Seil versehentlich an der Fassade baumeln lässt, es glatt vergisst, nur, weil er ans Telefon muss – womit er auch hätte rechnen können, dass so etwas passiert – das ist Ausdruck einer Figurenzeichnung, die uns in diesem Film häufig begegnet:
Die Menschen wirken alles andere als intelligent. Das verstärkt die Distanz des Zuschauers zweifellos, die schon durch die neutrale Sicht des Regisseurs erzeugt wird. Die Art, wie sich das junge Paar Louis und Véronique auf Deutsch in die Scheiße reitet, ist geradezu unglaublich naiv und eine lange Kette von Zufällen und psychologischen Fragwürdigkeiten. Wie Florence durch die Nacht wandelt, ohne dass man den Eindruck hat, sie erwartet wirklich, Julien an einem der vielen Plätze zu finden, die sie aufsucht, ist von hoher Intensität, aber alles andere als zielorientiert. Melancholische Fixierung auf eine zum Scheitern verurteilte Liebe, masochistisches Wandern durch eine abweisend-kalte Dunkelwelt mit Lichtpunkten, das wirkt alles sehr atmosphärisch, aber die Kapazität der Charaktere, auch von Florence, erscheint durchaus limitiert.
Julien führt seinen Mord an Carala mit hohem Aufwand aus, was sein vorgebliches Alibi angeht (draußen ist noch die Sekretärin, die hat er kurz zuvor hereingerufen), hängt ein Seil an die Fassade (das man kilometerweit sehen kann), klettert an dieser Fassade hoch und bringt seinen Chef um (das Hochklettern muss man auch kilometerweit sehe können). Der Mord gelingt, Julien verlässt das Haus. Kommt aber wieder zurück, lässt dabei sein Auto offen herumstehen. Und vergisst das Seil an der Fassade. Er geht zurück ins Bürohaus. Das führt dazu, dass Louis sich seines Autos bemächtig, Julien aber das Seil nicht kriegt. Weil nämlich, als er in den Fahrstuhl gestiegen ist, der Strom abgeschaltet wird. Dass dies wohl jeden Abend so gemacht wird, ist anzunehmen, er hat es aber nicht berücksichtigt. Dass so etwas jeden Abend in einem Bürohaus gemacht wird, rumms, jede Elektrizität mit einem einzigen Hebelgriff weg, das ist in einem modernen Geschäftsgebäude, auch des Jahres 1958, nicht sehr wahrscheinlich. Dass Julien eine solche Reihe von Fehlern begeht, ist für einen versierten und konzentriert agierenden Offizier des Indochina-Krieges sehr fragwürdig und lässt ihn – siehe oben – ein wenig limitiert wirken.
Allerdings schließen wir nicht aus, dass die Tatsache, dass wir den Film schon mehrmals gesehen haben, ein wenig zu dieser Sichtweise beiträgt – einige Wendungen, die auf einen Erstzuschauer vielleicht überraschend wirken, nehmen wir mittlerweile als eher kurios wahr. Jeder “Tatort”, der konstruiert wäre wie “Fahrstuhl zum Schafott”, bekäme v0n uns Abzüge wegen Plotschwächen in Form wenig wahrscheinlicher Ereignisse und wenig glaubwürdiger Verhaltensweisen der Charaktere. Vor allem die Kausalkette, die Julien in Marsch setzt, ist over the top.
Die Auflösung jedoch finden wir auch heute noch überzeugend und sehr eindringlich; trotz der vergleichsweise langsamen Handlung (aktionsreich wird nur der Strang mit Louis und Véronique ausgeführt) ist der Film spannend und wird seinem Aufbau als Thriller gerecht.
Zwar ist die Länge der einzelnen Szenen von Schnitt zu Schnitt im Wechsel zwischen den drei Schauplätzen manchmal nicht gut austariert, so zum Beispiel, als Tavernier im Fahrstuhl für einen Moment gezeigt wird, ohne dass etwas Nennenswertes geschieht, das im Vergleich dazu sehr lange Verweilen bei Louis und Véronique, als sie auf das Mercedes fahrende deutsche Ehepaar treffen – dadurch entsteht eine gefühlte Asynchronität auf der Zeitschiene. Doch das Konzept der Zuspitzung unter Einschluss der Polizei, die auf den Plan tritt, und die Zusammenführung der Stränge zum schließlichen Höhepunkt in der Dunkelkammer funktioniert recht gut.
Auch die ironische Wendung, dass Julien Tavernier vom ermittelnden Polizisten Cherier (Lino Ventura in einer seiner weniger prominenten Rollen) des Mordes an den beiden Deutschen verdächtigt wird, während er im Fahrstuhl festhängt, der Mord an Carala jedoch zunächst gar nicht zur Sprache kommt, ist ansehnlich in moralischer oder philosophischer wie konstruktiver Hinsicht.
Fazit
Gewiss ist “Fahrstuhl zum Schafott” ein Knaller, das Gesicht von Jeanne Moreau betreffend. Wie es sich in einer nicht begründeten und keiner Erklärung bedürfenden Liebe anspannt und verliert, wie es Julien motiviert und in der langen, verregneten Nachtszene ermattet, als sei diese Liebe schon im Moment des Verbrechens an Florences Mann zum Tode verurteilt, als sei dieser Tod gar kathartisch und erlösend, als hätten Florence und Julien in Wirklichkeit darauf hingearbeitet, und nicht darauf, sich von Florences Mann zu befreien, um miteinander glücklich zu werden. Wie könnten sie auch?
Man kann die Seltsamkeiten des Plots im Sinn einer künstlerischen Verdichtung, einer existenzialistischen Form von Absurdität deuten, das erfordert aber als Prämisse, dass Malle sich dieser Schwächen bewusst war und sie eingesetzt hat, um das Handeln seiner Figuren auf einen Willen zu reduzieren, der nichts anderes ist als selbstzerstörerisch, und der bestenfalls auch noch scheitert – wie im Fall von Véronique und Louis, die sich selbst umbringen wollen und dies nicht schaffen, weil sie zu viele (!) Tabletten eingenommen haben. In diese Richtung tendiert u. a. die Kritik von U. Behrens (filmzentral/follow me now).
“Fahrstuhl zum Schafott” ist nicht weniger dunkel und tragisch als die amerikanischen Films noir, alle Schuld wird sofort gesühnt, hier wie dort. Düsteres Schwarzweiß, grelles Licht, Schlagschatten, Nachtszenen begleiten die Figuren auf ihrem Weg in den Untergang – hier wie dort. Die amerikanischen Filme sind gleichermaßen Tragödien, aber ihr Stil ist realistischer und die Figuren handeln nach ihrer eigenen, negativen Logik und Destination vergleichsweise stimmig.
Louis Malle verzichtet auf Manches, gewinnt stilistisch einiges, hat Jeanne Moreau. Ihr verdankt dieser Film sehr viel – zum Beispiel, dass wir ihn besser bewerten, als wir es bei einer ausgeglichenen Schauspielerperformance im Stil der damaligen Zeit bei sonst unveränderten Parametern getan hätten – nämlich mit 7,8/10.
dWB/AP/12-10-19
Sugel
31. Oktober 2012
Schon in der ersten Szene, als Moreau ihrem Liebhaber ewige Liebe schwört − nur ihr Gesicht ist in extremer Nahaufnahme zu sehen −, wird eine Atmosphäre der Einsamkeit und Entfremdung deutlich, als die Kamera zurückfährt und der Zuschauer feststellt, dass sie nicht in einem Raum mit ihrem Geliebten ist, sondern sich nur am Telefon mit ihm unterhält. Das Grundmotiv der Figur der Florence ist die Angst vor der Zerstörung einer Beziehung; sie gerät in Zweifel, ob ihr Geliebter nicht doch mit dem Blumenmädchen durchgebrannt ist. Im Zusammenspiel mit Davis’ trauriger Musik wird ihr Irrweg durch Paris zur filmischen Parabel über das Thema der Unmöglichkeit, erfüllte Liebe zu finden.
Der Wahlberliner
1. November 2012
Hallo und herzlichen Dank für den Kommentar!
Das hast du sicher richtig gesehen und gut analysiert. Danke auch für die Anmerkung bezüglich der Musik – es wurde bereits bemängelt, dass ich nicht auf die stimmungsbildende Untermalung durch Werke von Miles Davis eingegangen bin, jetzt ist sie wenigstens in deinem Kommentar angesprochen.
Viele Grüße
AP 12-11-01