Ziemlich beste Freunde (Intouchables, F 2011) – FilmAnthologie 62

Geschrieben am 15. Juli 2012

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12-07-15 FA 62 Ziemlich beste Freunde

Kurzkritik

Unser erster Beitrag nach der Sommerpause ist eine Premiere – weil die Nr. 62 der Filmanthologie ein noch in den Kinos laufender Film ist, den wir nicht in der unbeeinflusten Stille der vier Wände angeschaut haben, sondern wirklich im Lichtspielhaus Adria in Berlin-Steglitz. Bisher haben wir der Konzentration wegen immer nach Couchsitzungen zuhause rezensiert. Das “Adria” hat nur einen, etwa mittelgroßen Saal und von ganz hinten wirkt die Leinwand eher kleiner als der Fernseher vom Sofa aus, aber es ist gemütlich, recht preisgünstig und natürlich läuft “Ziemlich beste Freunde” jetzt nicht mehr in den großen Kinos, aber es waren sicher noch 50-60 Leute in der gestrigen Nachmittagsvorstellung.

Viele Freunde haben uns von dem Film vorgeschwärmt und dass wir uns den unbedingt ansehen müssen. Oder sollten. Der Leichtigkeit des Lebens wegen und wegen der wunderbaren Charaktere. Wir waren also nicht etwa unbeeinflusst reingegangen.

In der Tat ist es ein wunderbar menschlicher Film um zwei sehr, um nicht zu sagen maximal ungleiche Männer. Der eine ein französischer Industrieller oder Adeliger, der nach einem Paragliding-Unfall ab der  Halswirbelsäule querschnittsgelähmt ist und bewegungsunfähig im Rollstuhl sitzt. Der andere ein Afrikaner aus der berüchtigten Banlieue von Paris mit tigerhaftem Gang und absolut keiner Kohle. Der eine mit krankheitsbedingt sparsamer Mimik und ohne Gestik, der andere mit Breitwandgrinsen und Tigergang. Der distinguierte Feingeist und der lockere Macho. Ein Gegensatzpaar, wie es in der Filmgeschichte viele gibt. Wir fühlten uns unter anderem an “Rain Man” erinnert, Roger Ebert hat in der Chicago Sun-Times (1) eine Parallele zu Miss Daisy und ihrem Chauffeur gezogen.

Der Film war für uns nach wenigen Minuten ein typisch amerikanisches Märchen, in gewisser Weise vorhersehbar und ganz auf Kontraste aufgebaut. Er beruht zwar auf einer wahren Begebenheit, wir dürfen dennoch annehmen, dass die Realität um einiges überspitzt wurde, um den Film so effektvoll wie möglich und dem Thema, das einen schwerstbehinderten Mann und seinen Pfleger in den Mittelpunkt stellt, gerade noch angemessen ernsthaft gerecht zu werden. Die französischen Elemente beschränken sich im Grunde auf die Dekors und auf Paris als Setting, er ist anti-intellektuell in mittlerweile typischer amerikanischer Tradition (natürlich wird dabei die moderne Kunst verulkt und die musikalische Klassik), trotz seiner Amerikanisierung war der Film aber in Frankreich ein absoluter Hit, was beweist, dass gewisse Mechanismen und Atavismen an der Oberfläche und darunter längst globalisiert sind.

Der Film ist nicht besonders tiefgängig, man darf das auch nicht hineindichten. Dass er gegenwärtig von den Usern der IMDb unter die hundert besten Filme aller Zeiten gewählt wird, finden wir zumindest gewagt, doch diese weltführende Filmbuff-Plattform, überbewertet neuere Filme generell, das haben wir schon an anderer Stelle geschrieben.

Handlung, Stab, Besetzung

In einer Vorausblende liefern sich die Hauptfiguren Driss, der dunkelhäutige Fahrer, mit dem gelähmten Philippe auf dem Beifahrersitz eine Verfolgungsjagd mit der Polizei durch das nächtliche Paris.[4] Driss wettet mit Philippe, in ihrem Maserati Quattroporte V den Polizisten entkommen zu können, doch diesen gelingt es bald, den Wagen zu stoppen. Driss wird rabiat aus dem Wagen gezerrt, doch aufgrund eines vorgetäuschten epileptischen Anfalls von Philippe und der Erklärung von Driss, dass dies der Grund für die Raserei gewesen sei, können beide einer Strafe entgehen und sie werden sogar von den Polizeifahrzeugen im Eiltempo zum nächstgelegenen Krankenhaus eskortiert.

Im Anschluss an diese Vorblende beginnt der Handlungsstrang mit dem Kennenlernen von Philippe und Driss. Der vermögende Philippe ist seit einem Paragliding-Unfall vom dritten Halswirbelkörper an abwärts gelähmt und sucht eine neue Pflegekraft.[5] Driss, der kurz zuvor von einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen Raubüberfalls entlassen wurde, bewirbt sich der Form halber um den Arbeitsplatz bei Philippe.[6] Driss ist der Überzeugung, dass er eine Absage erhalten werde. Er möchte lediglich eine Unterschrift als Bestätigung, um sie dem Arbeitsamt vorlegen zu können, damit er Arbeitslosenunterstützung erhalten kann.[7] Philippe zeigt sich von Driss beeindruckt, weil dieser kein Mitleid mit ihm hat und sich über seine körperliche Behinderung amüsiert.[8] Daraufhin erhält Driss zu seiner Überraschung die Arbeitsstelle auf Probe.[9]

Die Hauptfiguren zeichnen sich durch deutlich verschiedene Charaktere und Haltungen aus. Philippe ist verwitwet, hat eine Adoptivtochter und lebt mit etlichen Hausangestellten in einem Palais im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés.[6] Driss ist im Senegal geboren und in der Pariser Banlieue aufgewachsen.[9] Ungeachtet dieser Gegensätze entwickelt sich im Verlauf des Films eine enge Freundschaft zwischen den Hauptcharakteren.[8]

Philippe erfährt über einen Freund von Driss’ krimineller Vergangenheit. Er ist aber darüber nicht besorgt, solange er seinen Job ohne Probleme ausführt. Philippe führt Driss an klassische Musik und Malerei heran. Driss bringt Philippe dazu, seine Brieffreundin Éléonore in Dünkirchen anzurufen und ihr ein Foto zu schicken. Ein vereinbartes Date findet jedoch nicht statt, da Philippe aus Angst kurz vor der für das Treffen vereinbarten Uhrzeit das Lokal verlässt. Als im selben Moment Éléonore das Lokal betritt, verdecken mehrere Personen die Sicht, so dass die beiden nicht aufeinandertreffen. Philippe, mit sich selbst unzufrieden, ruft Driss an und verlässt mit ihm Paris fluchtartig in einem Privat-Jet. Im Jet offenbart Philippe ihm, dass er für ein von ihm geschaffenes Gemälde 11.000 Euro erhalten habe, und übergibt ihm einen Umschlag mit dem Geld. Wie sich für Driss zeigt, gehen sie paragliden, und so steht der Senegalese plötzlich voller Angst vor seinem ersten Tandemflug.

Driss hat Probleme mit seiner Familie und verlässt Philippe nach einigen Monaten, als sein Stiefbruder Adama in der Villa auftaucht. Die Trennung fällt Philippe und Driss sichtlich schwer. Driss kehrt zu seiner Familie zurück und nimmt nach einem erfolgreichen Bewerbungsgespräch eine Arbeit als Kurierfahrer an.

Philippe stellt nacheinander neue Pfleger auf Probe ein, die die Rolle von Driss nicht annähernd ausfüllen können. Die besorgte Hausdame Yvonne kontaktiert Driss, der nochmal zurückkommt, und die zu Filmbeginn gezeigte Verfolgungsjagd findet statt. „Und wie geht es jetzt weiter?“, fragt Philippe, als sie vor dem Krankenhaus stehen. Driss fasst einen Plan und fährt mit Philippe an die Kanalküste.

Bei einem Restaurantbesuch verlässt Driss den Tisch und verspricht Philippe, dass dieser nicht alleine essen werde. Driss hat ein Date mit Philippes Brieffreundin Éléonore arrangiert, die kurz darauf erscheint.

Am Ende des Films wird eine kurze Aufnahme des echten Philippe Pozzo di Borgo und seines Freundes Abdel Yasmin Sellou gezeigt.

Regie Olivier Nakache,
Éric Toledano
Drehbuch Olivier Nakache,
Éric Toledano
Produktion Nicolas Duval,
Yann Zenou,
Laurent Zeitoun
Musik Ludovico Einaudi
Kamera Mathieu Vadepied
Schnitt Dorian Rigal-Ansous
Besetzung

(Handlung, Stab, Besetzung: WIKIPEDIA - Der Wahlberliner unterstützt die Wikipedia)

Rezension

Über Parabeln kann man nicht nörgeln?

Auf der sachlichen Ebene, wo sich ein körperlich behinderter Reicher mit Depressionen und ein gesunder Habenichts mit Lebensenergie treffen und die Energieströme naturgemäß vom Gesunden zu Kranken hin verlaufen, funktioniert die Lehre prächtig, dass das Leben nie zu  Ende ist und am Ende sogar eine neue Liebe für den an den Rohllstuhl gefesselten Mann bereithält. Das war wohl auch so in der Wirklichkeit mit dem ehemaligen Pommery-Fabrikanten und seinem algerischen (nicht schwarzafrikanischen) Pfleger, deren gemeinsame Zeit von zehn Jahren als Patient und Pfleger dem Film zum Vorbild diente.

Hier wird alles sehr verkürzt wiedergegeben und als wir die wahre Geschichte lasen, wie die Wikpedia sie in Kürze wiedergibt (Quelle siehe oben), fanden wir, man hätte dichter am Originalgeschehen bleiben können, dann wäre der Film überraschender, länger und ernsthafter geworden. Dann hätte er mehr elegische Momente gehabt und die komischen wären dadurch stärker hervorgetreten. So ist das – wir wiederholen uns gerne – typisch amerikanische Ulkfeuerwerk doch stellenweise ein wenig nervötetend und würde François Cluzet den Industriellen Philippe nicht so unprätentiös und sympathisch spielen, wäre es des Guten zu viel geworden. Offenbar sind Zwischentöne und etwas subtilere Botschaften im Massenkino unmöglich geworden und was man heute als cool empfindet, etwa das gesamte Auftreten von Driss (Omar Sy), ist bestimmt keine Voraussetzung dafür, dass unterschiedliche Menschen, die aus unterschiedlichen Welten stammen, funkensprühende Komik entfachen können. Jahrelanger schwarzer Klamauk aus den USA, der mit dem wirklichen Leben der Afroamerikaner in etwa so viel zu tun hat wie eine Dokusoap mit echter Dokumentation, hat auch in Europa deutliche Spuren der Verflachung im Mainstreamkino  hinterlassen.

Ein Schlaglicht auf die erwähnte sehr gute Bewertung des Films auf der IMDb wirft aber doch, dass US-Nutzer den Film deutlich schlechter bewertet haben als Nicht-US-Filmfans und je älter die Bewertungsgruppe, desto weniger euphorisch fällt das Urteil aus. Was nichts anderes heißt, als dass “Ziemlich beste Freunde” infantilen und undifferenzierten Sichtweisen deutlich näher kommt als solchen von etwas erfahreren Menschen. Popcornkino ist “Ziemlich beste Freunde”, wenn man es ganz negativ sehen will. Dass Frauen den Film noch einmal besser bewerten als die ohnehin begeisterten Männer, passt vielleicht nicht perfekt ins Schema, aber sie sehen vielleicht eine Ebene, die uns entgangen ist.

Das tun wir aber nicht, denn die Botschaft als Parabel oder Allegorie funktioniert durchaus, wie in den amerikanischen Vorbildern. Wir freuen uns mit den Figuren und gehen beschwingt aus dem Kino, weil am Ende der reiche, aber kranke Philippe eine äußerst ansehnliche Freundin zu finden scheint, vermittelt durch die Aktivitäten von Driss, das ist die Klimax der wiedererstandenen Lebensfreude. Die Gegenfrage sei gleich erlaubt: Wäre Philippe kein Superreicher im noblen Zwirn, würde sich die Schöne dann auch zu diesem Mann, der auch sexuell nur noch heiße Ohren bekommen kann, an den Tisch setzen?

Dramaturgisch ist “Ziemlich beste Freunde” sehr linear und auch ziemlich flach aufgebaut, dadurch kann jenseits der Gags nichts entstehen, was ihn z. B. zur Tragikomödie adeln würde, und dass er nach einer wahren Begebenheit konstruiert wurde, macht ihn nicht automatisch glaubwürdig, wie deutsche Kritiker richtig geschrieben haben (2). Das will er aber wohl auch nicht sein, wie ebenfalls vielfach bemerkt wurde, sondern er ist spekulativ und außerdem geht es in keinem französischen Film, der auf sich hält, ohne die Deutschen mit negativen Untertönen (ein falschparkendes Arschloch fährt natürlich Mercedes, nicht Maserati, Wagner ist für einen gestandenen Kulturbanausen urkomisch, Bildkunst, die in London und gar Berlin Erfolg hatte, kann nicht wirklich etwas wert sein – die Endszene, auf die der ganze Part mit dem Verwahrlosungsbart von Philippe und dessen ganze Depressionsära durch Driss’ Abwesenheit hingeschrieben scheint und die in einem Hitler-Schnauzerchen als komischem Knalleffekt mündet, ist allerdings echt witzig gemacht).

Der Film bedient viele niedere Instinkte und die Franzosen können diese, offenbar anders als vermutlich viele deutsche Kinogänger, gewiss allesamt aufspüren, am meisten hat uns die unverhohlene Einseitigkeit missfallen. Im Grunde kann der reiche, hoch gebildete Philippe dem Mann aus den Ghettos nichts geben als ein schönes Zimmer und nebenan ein schönes Badezimmer, er nimmt keinerlei Bezug auf dessen soziale Probleme und es kommt zu keinerlei inhaltlichem Austausch über das Leben in den beiden Welten, die sich hier berühren, alles bleibt Oberfläche. Schon die Eingangszene der achronologischen Handlung macht das mehr als deutlich. Ein Film, der mit quietschenden Reifen im nächtlichen Paris beginnt, gemahnt eben doch  mehr an “Taxi, Taxi” als an “Miss Daisy und ihr Chauffeur”.

Das Ghettoleben des Chauffeurs und Pflegers Driss wird kurz angerissen, aber es führt ganz eindeutig nicht zu dramatischen Elementen, sondern zu einer simplen Wettszene und zur einer mehr als simplen Verarschung der Polizei. Der Film will also antiautoritär sein, respektlos, das drückt sich auch im Umgag mit der so genannten Hochkultur aus. Da versteht es sich beinahe selbst, dass ein Typ aus der Banlieue, der vermutlich gerade lesen und schreiben kann, Bilder ebensogut hinklecksen kann wie Leute, die dafür ca. 41.000 Euro bekommen, auch wenn er mit einem Viertel dessen anfängt und die Protektion seitens seines Arbeitgebers dabei keine unbedeutende Rolle spielt. Man kann diesen Umgang von Driss mit dem Kulturkomplex auch als rassistisch ansehen, weil sich dabei vor allem die bildungsfernen Schichten auf die Schenkel klopfen dürften, und die, das weiß man schließlich nach langen und mit teilweise üblen Tendenzen geführten Diskussionen nun endlich, sind nicht selten mit einem Migrationshintergrund ausgestattet oder belastet. Den Franzosen, die den Film gedreht haben, und das stellt ein zusätzliches Problem dar, muss man unterstellen, dass sie das auch gesehen haben und somit bewusst einkalkuliert.

Im Grunde ist der Film noch simpler gestrickt als die amerikanischen Vorbilder, die immerhin noch manches Chiffre über die radikale Subversion in der Lebenskultur der Unterprivilegierten enthält, die sich nach Jahrhunderten der Passivität Bahn gebrochen hat, und in der sich diese Menschen selbst durch die Brille der anderen aufs Korn nehmen, von denen sich lange Zeit unterdrückt wurden – und immer noch werden. Coole Sprüche und martialisches Gehabe sind die zwangsläufigen Folgen einer Missachtung durch die weiße Oberschicht. Das wirkt sozusagen sozialgenetisch einigermaßen stimmig, wenn auch die Geschichten selbst nicht weniger entfernt von der Realität sind als diejenige, die “Ziemlich beste Freunde” zeigt. Es gibt in Letzterer keinerlei Dialektik zwischen den Bevölkerungsgruppen, Philippe kann immerhin sprechen, und nur ein einziges Mal deutet er an, dass dies auch für etwas Praktisches gut ist: Als er in return für Driss’ Kritik an Philippes lascher Erziehungshaltung der eigenen Tochter gegenüber seinem Pfleger sanft erklärt, dass auch dieser seinem Stiefbruder mal ein paar ernste Worte sagen könnte. Für mehr Schärfe ist der Film zu vordergründig politisch korrekt und zu glatt geschliffen, er soll eben ein Wohlgefühl hinterlassen und nicht etwa zum Nachdenken anregen, für was eine soziale Herkunft und ein durch einen schweren Unfall radikal verändertes Leben wirklich stehen.

Dass uns diese Absicht, das Publikum zu verwöhnen, wirklich erreicht hat, zumindest zeitweise und wenn wir uns nicht gerade über banale Aufrufe an unsere weniger zivilisationsgeneigten Eigenschaften geärgert haben, liegt am Spiel von Francois Cluzet und Omar Sy, die ihre Rollen mit Authentizitätsvermutung gestalten und ein prächtiges Paar abgeben. Wie sagt man aber stets: Da hätte man mehr rausholen können. Aus dem Thema sowieso, aber auch aus diesem schönen Gegensatzpaar.

Fazit

“Ziemlich beste Freunde” ist ein Hit, hat auch in Deutschland wochenlang die Kinocharts angeführt. Angesichts des Grundthemas könnte man meinen, wir schreiten mal wieder auf dem sozialen Weg ein Stück voran. Hätte es das früher gegeben, dass eine Story von einem Rollstuhlfahrer und seinem Pfleger, in der es sogar um Scheiße geht, die aus dem Arsch geholt wird, 8 Millionen Zuschauer in die Kinos lockt (in Frankreich waren es exorbitante 19 Millionen)? Man weiß es nicht. Doch keine Angst, die an wenigen Stellen sehr einfache Sprache ist das einzig Raue an diesem Film, der stets mehr das Publikum als seine Figuren im Blick hat.

Nicht die Geschichte, die sich in der Realität in den Jahren 1993 bis 2003 zwischen dem Champagnerfabrikanten Philippe Pozzo di Borgo und dem Pfleger Abdel Yasmin Sellou zugetragen hat, steht im Vordergrund, und damit auch nicht die gewiss differenzierten Menschen, die sich hier zusammenfanden, sondern die Versatzstücke, aus denen seit Urzeiten in wechselnden Konstellationen dieselbe Geschichte erzählt wird. Als Driss staunend in dem üppig ausgestatteten Raum steht, der sein neues Zuhause bei Philippe werden soll, sind uns tausend Kindermärchen und -filme auf einmal eingefallen, alle möglichen Aschenputtelgeschichten, aber nichts, was über das hinausweist, was man schon lange und zur Genüge kennt.

Dass solche Szenen immer wieder funktionieren, beweist, dass wir genau jenes Maß an nimmermüder Kindlichkeit besitzen, das verhindert, dass wir endlich anfangen, uns den Problemen, die wir selbst weltweit geschaffen haben und die immer drängender werden, ernsthaft stellen. Dass der Film trotz seiner vorgebliche Respektlosigkeit dem kulturellen Establishment gegenüber in hohem Maß strukturkonservativ ist, indem suggeriert wird, dass Philippe eben doch als Behinderter mit Vermögen weit mehr Chancen im Leben hat und anderen zuteil werden lassen kann als ein armer Gesunder, das versteht sich beinahe von selbst, womit auch das Prinzip Höher-Schneller-Weiter unhinterfragt bleibt, selbst wenn man dabei abstürzen und bewegungslos werden kann.

Wie symbolisch das Leben dieses Großindustriellen mit dem Hang zum Risiko auf andere Weise gesehen werden kann, das bleibt vollkommen ausgeblendet und nicht einmal den hintergründigen Franzosen kann man hier unterstellen, dass sie eine weitere Ebene haben einziehen wollen, die nur Erwählte und Durchdrungene unter den Kinozuschauern begreifen können. Hingegen lässt Driss einen elektrischen Rollstuhl frisiere wie ein altes Mofa, damit Philippe wenigstens wieder schneller unterwegs ist als die Passanten, wenn er nicht sowieso im Maserati gefahren wird. Keine Frage, damit kann man einem statusbewussten Menschen die Depressionen vertreiben.

Unsere Bewertung: 6,8/10.

dWB/AP/12-07-15

(1) Rezension vom 30. Mai 2012
(2) Barbara Schweizerhof in der TAZ vom 4. Januar 2012

Veröffentlicht unter: 2. Kultur