Heute morgen, auf einer Dienstfahrt …
… da begegnete und buchstäblich die Nachricht. Wir dachten zunächst an einen Scherz, aber die vier Buchstaben in Weiß auf rotem Grund, die für stets seriöse Berichterstattung bekannt sind, machten den Ernst der Lage klar und eben haben wir’s gegoogelt: Es stimmt.
Jos Luhukay kommt tatsächlich nach Berlin. Unser zweiter Gedanke war: Boah, da ist denen ja ein Coup gelungen. Der dritte: So ein sympathischer Kerl und dann diese berufliche Fehlentscheidung.
Ein stiller, ernsthafter Fachmann heuert im Dilettantenstadel der Großkotz-Hauptstadt an. Wir dachten, als er von Augsburg wegging, der Gute wollte sich verbessern, sich neue Horizonte und Perspektiven eröffnen. In der Art hat er sich jedenfalls geäußert. Mit Sicherheit bestand damals schon Kontakt zur Hertha.
Wir verbreiten Gerüchte nie, aber wenn es stimmt, was wir darüber gehört haben, warum zum Beispiel Markus Babbel im Saisonverlauf 2011/12 seinen Trainerstuhl bei der Hertha räumen musste, stellen sich uns ob der unglaublichen Unprofessionalität all der Beteiligten sämtliche Haare auf. Möglich, dass ein Mann wie Luhukay mit seiner Ruhe und seinem unprätentiös wirkenden Verhalten wenigstens persönlich halbwegs unbeschadet durch diesen Job in Berlin kommt.
Gar keine Frage, wir trauen es Luhukay zu, die Hertha geradewegs wieder in die Erste Liga zu führen, falls das Management und die Einkaufspolitik es zulassen. Wer das mit Augsburg schafft binnen zwei Jahren schafft, sollte es mit der Hertha in einer Saison können. In der Theorie jedenfalls.
Er wird in der Zweiten Liga in Berlin wohl nicht weniger verdienen als zuvor bei Augsburg. Und dann dieser Hype, in einer Millionenstadt tätig zu sein, immer im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Dieser Karriereschub!
Jeder Trainer ist normalerweise zu beglückwünschen, wenn er bei einem Hauptstadtklub wirken darf. Nur in Deutschland nicht, da bedeutet Hauptstadt zunächst einmal viel Arbeit und wenig Ehre und erstmal die Ochsentour durch die Zweitklassigkeit, wo die Gegner nicht Dortmund oder München, sondern Ingolstadt oder Paderborn heißen werden.
Die Frage ist für uns nicht, ob Hertha irgendwann mal wieder aufsteigt, sondern ob der sympathische Holländer mit seiner Art etwas bewirken kann – und zwar kein Strohfeuer, sondern im Sinn langfristiger Effekte. Ob er die vielzitierten Strukturen schaffen kann, die unabdingbar für den langfristigen Erfolg in der höchsten Spielklasse sind. Bisher hatte er noch nicht die Gelegenheit, ein großes, strategisches Rad zu drehen und einen Verein zu formen, der zumindest auf dem Papier eine gewisse Größe aufweist.
Dazu müsste er eine gehörige Machtfülle bekommen und viel Gestaltungs- und Durchsetzungswillen über den Trainingsplatz hinaus beweisen, sonst wird das wieder nichts und der nächste fachlich gute Trainer nach Lucien Favre wird verschlissen. Ob die Trainer zwischen Favre und Luhukay gut waren und ob die Hertha es überhaupt zugelassen hat, dass sie gut sein konnten, darüber haben wir unsere eigene Meinung. Jedenfalls geht es Babbel in Hoffenheim wieder in Maßen gut und Otto Rehagels grandiose Vita wird durch die unglückliche letzte Trainerstation in Berlin kaum beschadet werden.
Wir wünschen Jos Luhukay trotz gewisser Sorgen um die Nerven dieses integeren Typs alles, alles Gute und damit natürlich auch uns Wahl-Hauptstädtern. Es wäre doch schon mal etwas, wenigstens einen einzigen Fußballclub aus Berlin dauerhaft in der ersten Liga zu etablieren. Dazu aber müssste Luhukay das aktuelle Management entweder mental umkrempeln (diesbezüglich wird er aber schon mit den demotivierten Spielern genug zu tun haben) oder es in Funktion und Amt überleben, und das warten wir erst einmal ab, denn es sind nicht immer die Besten, die das größte Beharrungsvermögen auf ihren Posten aufweisen. Mit etwas Pech wird Luhukay in Berlin längst Geschichte sein, da wird das sonstige Personal noch lange weiter vor sich hin dilettieren.
Vielleicht kommt es auch anders und Luhukay schafft sich sein eigenes Umfeld und zieht das Gute an, weil er der Mannschaft das Gute vermittelt und eines Tages Forderungen stellen kann, wie im positiven Sinn macht- und selbstbewusste Trainer es gerne tun, wenn sie etwas erreicht haben. Dann gibt es irgendwann nur noch motivierte Spieler, fähige Manager, sachverständige Vorstände bei der Hertha.
So ähnlich wie beim Berliner Großflughafen Schönefeld. Welch großartige Projekte stehen uns hier noch bevor. Träumen, das darf man ja und ohne Träume und Treue durch die tiefsten Peinlichkeiten hindurch wäre der Fußballfan als solcher in Berlin sowas von angeschissen.
dWB/AP/12-05-18
Geschrieben am 18. Mai 2012
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