Ein finsterer Nebelhauch
Die Rechte an den Romanen des englischen Kriminalschriftstellers Edgar Wallace waren bis auf wenige Ausnahmen an die Rialto-Film des Dänen Preben Philipsen vergeben und die ersten Filme der Serie, die daraufhin entstand, waren Sensationserfolge. Zu der Zeit sprang Arthur “Atze” Brauner, der legendäre (und noch lebende) Berliner Filmproduzent polnisch-jüdischer Herkunft auf beinahe jeden Zug auf, der sich in Richtung Erfolg in Bewegung setzte – neben den Krimis nahm er sich auch des seinerzeit im Kino sehr erfolgreichen Karl May an. Da ihm aber auch dort die Rialto zuvorgekommen war, die Westernstoffe betreffend, musste er auf die Orientromane ausweichen.
Da nun die Krimis von Edgar Wallace weitgehend besetzt waren, griff er für “Der Henker von London” auf ein Buch von dessen Sohn Bryan Edgar Wallace zurück. Da die Hauptregisseure und Schauspieler der Edgar-Wallace-Streifen für die Rialto arbeiteten, musste auch bezüglich Besetzung und Stab komplett anders disponiert werden.
Obwohl auch in “Der Henker von London” der Londoner Nebel zeitweilig durch das den “Originalen” weitgehend entsprechnde, kontrastreiche Schwarz-Weiß wabert, hat der Film eine andere Atmosphäre. Weitaus weniger Komik und ein sehr düsteres Ende kennzeichnen ihn. Darüber hinaus ein Tenor, der sehr mit archaischen Vergeltungsprinzipien sympathisiert und fraglos ein Loblied auf die Todesstrafe als Ausdruck dieser Prinzipien singt. Die Todesstrafe war aus wohlerwogenen Gründen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft worden und lag zu der Zeit, in welcher der Film entstand, auch in Großbritannien in den letzten Zügen ihrer Anwendung. Heute gibt es sie innerhalb Europas nur noch in Weißrussland.
Manches in dem Film kommt uns sehr vertraut vor, zum Beispiel die Diskussion, wie mit Sexualstraftätern zu verfahren sei. Manches ist auch komplett unlogisch, gerade in diesem Zusammenhang (die Serie “Frauenmorde”, die neben der Henker-Serie aufzuklären ist, wird eben nicht, wie vom Ex-Richter Sir Francis kolportiert, von einem Sexualstraftäter, sondern von einem irren Arzt begangen, der wissenschaftliche Experimente durchführen will).
Gerade dieser Film lässt Rückschlüsse darauf zu, warum in den sozialaktiven Sechzigern die jungen, meist linken Kritiker kein gutes Haar an der ganzen Serie ließen. Bei einigen der “Originale” der Rialto muss man das heute etwas differenziert betrachten, doch “Der Henker von London” ist durchaus eine Form von Propaganda, die sich gegen sämtliche neueren Erkenntnisse der Strafrechtswissenschaft und Psychologie stemmt, und das tut er sehr bewusst, es wird sogar ausgesprochen.
Zwischendurch hatten wir den Gedanken, dass die Hauptfigur, der Scotland-Yard-Inspector John Hillier (Hansjörg Felmy) der Henker sein könte, dies aber verworfen – das hätte man in der “Hauptserie” niemals gebracht und es wirkt in der Tat ziemlich krude. Der Film ist rau, wie die “Originale”, doch die ironischen Untertöne der Rialto-Produktionen und das Leicht im Tödlichen fehlen ihm (die “komödiantische” Rolle von Chris Howland z. B. ist ganz anders angelegt als die von Eddi Arent in den vielen Rialto-Wallace-Filmen, die er durch seine Auftritte mitgeprägt hat).
Handlung, Besetzung, Stab
Inspector John Hillier von Scotland Yard wird auf gleich zwei Fälle angesetzt. Zum einen auf einen Serienmörder, der junge Mädchen köpft, zum anderen auf den Urheber von mysteriösen Morden, bei denen aus dem Kriminalmuseum von Scotland Yard der Strick des Henkers von London verwendet wird. Die Opfer dieses Mörders waren jeweils „mangels Beweisen“ freigelassen worden.
Hillier findet heraus, dass eine Verschwörerbande hinter den Morden steckt, die ihren Opfern die Akten einer geheimen Verhandlung beilegt, in der ihre Verbrechen aufgedeckt werden. Unterstützt wird Hillier von dem pfiffigen Reporter Gabby Pennypacker und seiner Freundin Ann Barry, die sich als Lockvogel für den Serienmörder anbietet. Der wird in Dr. Mac Ferguson gefunden, einem verrückten Wissenschaftler, der Kopftransplantationen durchführen wollte. Bei der Aufklärung der Morde mit den Gehenkten sorgt Reporter Pennypacker jedoch für eine Überraschung.
| Produktionsland | Bundesrepublik Deutschland |
| Originalsprache | Deutsch |
| Erscheinungsjahr | 1963 |
| Länge | 94 Minuten |
| Altersfreigabe | FSK 12 |
| Stab | |
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| Regie | Edwin Zbonek |
| Drehbuch | Robert A. Stemmle |
| Produktion | Artur Brauner |
| Musik | Raimund Rosenberger |
| Kamera | Richard Angst |
| Schnitt | Walter Wischniewsky |
| Besetzung | |
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(Handlung, Besetzung und Stab aus WIKIPEDIA - Der Wahlberliner unterstützt die Wikipedia)
Rezension
Die Plotanlage ist durchaus interessant. Zwei Mordserien (die Frauenmorde und die Privatjustiz) werden zusammengeführt, indem derjenige Polizist, der in der einen Serie ermittelt hat, es auch in der anderen tun soll und so im Grunde sich selbst aufdecken müsste, was er verständlicherweise immer wieder verzögert und dadurch als Ermittler ziemlich unterbelichtet wirkt. Einen V-Mann von Scotland Yard, der sich immer wieder seltsamer Verkleidungen bedient, gibt es auch.
Man merkt dem Plot aber an, dass seit seinem Entstehen und auch seit seiner Verfilmung einige Jahrzehnte vergangen sind. Wie die kapuzenbewehrte Rächerbande es schafft, immer wieder Verbrecher zu erwischen, deren Taten entweder verjährt sind oder die auf andere Weise von der Justiz gerade nicht belangt werden – diesbezüglich wird ziemlich wahllos optiert – das ist schon logistisch kaum vorstellbar, schließlich hat der Chef der Rächer noch einen Job als Polizist, dem er nachgehen muss. Wer die anderen drei sind, erfährt man leider überhaupt nicht, immerhin ist davon auszugehen, dass sie zur Beibringung der Verbrecher beigetragen haben.
Dass dieser Polizist zum Rächer geworden ist, entspringt der Tatsache, dass seine Schwester einem Serienmörder zum Opfer fiel. Die Beschränkung auf diese Tätergruppe läge also nahe, doch Hillier dehnt seine Rache auf alle Verbrechensklassen aus oder zumindest auf alle Tötungsdelikte und alle möglichen Motive. Sehr stimmig wirkt das nicht und überspannt auch den Zuschauer, der den Polizisten zuvor beobachtet hat. Ja, er hat etwas Dunkles und Drängendes, das den Polizistenfiguren der “Originalserie” ganz fremd ist, er ist insofern sogar eine interessante, gebrochene Figur. Doch die Herleitung ist zu simpel und die Inszenierung lässt ungute Assoziationen aufkommen.
Diese Kapuzenmänner, auch wenn die Kapuzen dunkel sind, erinnern sehr an den Ku-Klux-Klan, demnach sind die Verbrecher, die hier gefangen und gehenkt werden, mit den Afroamerikanern im Süden der USA, die der Ku-Klux-Klan verfolgt hat, in einen ganz unmöglichen Konnex gestellt. Die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen und nicht nur in den frühen 60ern hat der deutsche Stammtisch Lösungen, wie sie hier ausgelebt und intellektuell von einem von ihrer Majestät herself ausgezeichneten Ex-Richter unterstützt werden, einer genaueren Analyse und einem nach heutigen Maßstäben sachgerechten Justizvollug vorgezogen. Bei Sexualstraftätern kochen heute noch die Wogen hoch und sogar die politisch normalerweise hochkorrekten ARD-Tatorte bringen hier alle möglichen Fragwürdigkeiten auf den Bildschirm. Das Talionsprinzip in seiner Sonderform “Auge um Auge” (hier: “Leben um Leben”) feiert also fröhliche Urständ, wobei die Rächer ja nicht die Geschädigten oder Opfer bzw. deren Hinterbliebenen sind, sondern eine Art Geschäftsführung ohne Auftrag vornehmen.
In einem der Fälle von Privatjustiz liegt sogar ein Fall vor, den schon der Codex Hammurapi geregelt hat:
In § 229 war entschieden:
„Wenn ein Baumeister einem Bürger ein Haus baut, aber seine Arbeit nicht auf solide Weise ausführt, so dass das Haus, das er gebaut hat, einstürzt und er den Tod des Eigentümers des Hauses herbeiführt, so wird dieser Baumeister getötet.“ (1)
Wir kennen die Romanvorlage nicht, aber gehen davon aus, dass diese Anspielung auf vorchristliche Rechtsordnungen nicht bewusst gewählt war. Hier war keine Adäquanz herzustellen, denn unter dem Schutt mies gebauter Wohnungen auf Sizilien sind 18 Menschen begraben worden, den Verursacher konnte man in London aber nur einmal aufhängen. Die Talion ist also gewissermaßen ein Nebenprodukt bei manchen der Vorgänge, eine intellektuelle Hinterlegung des Gesamthandelns bzw. die Maxime des seltsamen Gerichts, das immer gleich abstimmt, indem es schwarze Kugeln in eine schön ausgeleuchtete Schale legt, bildet es eher nicht.
Es gibt eine Szene, in welcher eine Nachahmer-Bande agieren will wie der Henker von London, die ist fürs Plotverständnis sehr wichtig. Weil hier nämlich der Inspector Hillier von einem der Banditen bedroht wird, schwindet der bereits vorhandene Verdacht wieder, dass er selbst mit dieser Privatjustiz zu tun haben könnte – obwohl man erfährt, dass es sich hier nicht um das echte Kapuzen-Tribunal handelt, funktioniert der Trick. Allerdings gibt es ein anderes Problem: Woher wussten die Nachahmer von diesem in Verkleidung ausgeführten Ritual? Die Öffentlichkeit kannte doch nur die Ergebnisse in Form der mit dem Original-Henkerstrick aus dem Polizeimuseum hingerichteten Toten. Auch dessen wiederkehrende Entwendung wirkt seltsam – bis zu dem Moment, wo man weiß, dass ein Insider dahintersteckt. So eine düstere Symbolik traut man dem Mann aber eigentlich nicht zu, der nur seine Schwester rächen wollte.
Die zweite Mordserie handelt von einem eleganten, aber leider verrückten Arzt, der innerhalb relativ kurzer Zeit fünf Frauen umbringt, um seine Experimente in Richtung eines vom Körper unahbängigen Geistes voranzubringen. Das erste Opfer war die Schwester von Inspector Hillier. Warum die Frauen alle gleich aussehen, was ja eher auf einen typfixierten Täter schließen ließe und nicht auf jemanden, der seine Opfer im Grunde nach geistigen Fähigkeiten aussuchen müsste, erklärt sich nicht. Man gewinnt den Eindruck, die Experimente sind nur ein Vorwand für reine Mordlust, für eine sexuelle Komponente spricht hingegen nichts. Im deutschen und englischsprachigen Film ist der Wissenschaftler, der entgleist oder seine Forschungsergebnisse nicht mehr in der Kontrolle hat, geradezu eine Genrefigur. Es gibt wunderbare Werke mit solchen Typen im Zentrum, von Mabuse und Caligari über Rotwang, Dr. Jekyll und Frankenstein und diverse Wissenschaftler, die versehentlich Monster jedweder Spezies und Größe züchteten, aber der Mediziner Dr. Ferguson ist zu wenig ausgefeilt und zugespitzt auf ein Prinzip, als dass er zu den großen Horrorcharakteren zählen könnte. Wir hatten eher ein wenig Mitleid mit Dieter Borsche, einem der Heroen des deutschen Kinos der 50er Jahre.
Auch Hansjörg Felmy hatte 1963 schon Aufgaben bewältigt, die künstlerisch eindeutig höher anzusiedeln sind als sein hintergründig rachebesessener Inspector Hillier.
Regie führte Edwin Zbonek, der dem Subgenre Edgar Wallace erkennbar nicht die Inspiration entgegenbrachte wie Alfred Vohrer, der die “Originalserie” mit ihrem etwas exzentrischen Stil geprägt hat. Die Schauspieler hatten dort erkennbar Spaß an der Sache, die Handlungen waren meist sogar spannend und dem Grauen wurde eine amüsante Note verliehen. Letzteres lässt sich für “Der Henker von London” überhaupt nicht sagen, Ersteres ist Sachfrage. Sicher ist der Film nicht langweilig im Sinn von handlungsarm oder langsam, aber die grobe Strickmasche und das nicht sehr geglückte Rätselspiel mit dem Publikum stören und lassen kein Sich-Einlassen zu.
Überzeichnete Figuren, die in den Original-Wallace-Filmen amüsant wirken, gibt es in “Der Henker von London” auch, etwa der Exrichter Sir Francis und sein Butler, doch die Synthese zwischen britischer Schrulligkeit und einem rauen Krimiplot, welche die Deutschen auf erstaunlich ironische Art in den besseren Wallaces hinbekommen, gibt es hier nicht, das Ganze wirkt aufgesetzt und schwankt zwischen finster und peinlich. Dass damit auch die Atmosphäre des Films finster wird, der angedeutete Expressionismus, der alle Edgar-Wallace-Filme durchzieht, in gewisser Weise wieder zu den düsteren Ursprüngen zurückgeführt wird, macht es nach unserer Ansicht nicht besser, weil es nicht konzeptionell wirkt. Viele Fehler oder Fragwürdigkeiten in szenisch-logischen Details und dieses Gefühl, dass der Film hinsichtlich der Akzentuierung wichtiger Momente “verrutscht” ist und sie nicht ausspielt, um dem Zuschauer nicht zu viele Hinweise zu geben, sehen wir eher als Schwäche.
Fazit
“Der Henker von London” kann mit anderen deutschen Krimis, die in den frühen 60ern und auf den britischen Inseln spielen, nicht mithalten (dazu zählen wir nicht nur die Edgar Wallace-Filme, sondern auch die beiden Pater Brown-Filme mit Heinz Rühmann).
Dass der Produzent Arthur Brauner mit seinem persönlichen Hintergrund einen so reaktionären Film hat drehen lassen, zeigt, wie sehr zu Beginn der 60er gegenüber Horst Wendtland, seinem ehemaligen Mitarbeiter, nun Hauptwidersacher und Produzent der “Original”-Karl May- und Edgar Wallace-Filme, unter Druck war und nur noch auf sehr simple Aussagen und nachgeahmte Effekte gezielt hat; hatte er nach dem Krieg doch ambitioniert begonnen und später wichtige deutsche Filme zur NS-Geschichte beigesteuert (“Die weiße Rose”, 1982; “Hitlerjunge Salomon”, 1990) (2).
Für uns war der Film historisch interessant und es ist eher Zufall, dass wir ihn vor einem der Edgar Wallace-Streifen aus der Horst Wendtland-Rialto-Produktion rezensiert haben, die noch in unserem Archiv schlummern. Dass wir den Datenträger, auf dem “Der Henker von London” aufgezeichnet war, nun anderweitig verwenden werden und den Film nicht empfehlen, drückt sich in der Bewertung aus: 4,0/10. Das ist die niedrigste Punktzahl, die wir bisher innerhalb der FilmAnthologie vergeben haben.
Hinweis: Die von uns aufgezeichnete Version ist eine ZDF-Fernsehausstrahlung gewesen, die vermutlich auf der restaurierten bzw. digital aufbereiteten Fassung basiert, die gegenwärtig auch auf DVD erhältlich ist, Bild- und Tonqualität waren erstklassig.
(1) Quelle: WIKIPEDIA
(2) Zur Vita von Arthur Brauner: WIKIPEDIA
dWB/AP/12-03-22
Geschrieben am 22. März 2012
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