Verschleppt – Tatort 825 / Vorschau ARD 22.01.2012, 20:15 Uhr – und das Aus für das Saarbrücker Ermittlungsduo

Geschrieben am 4. Dezember 2011

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11-12-04 Tatort 825 Verschleppt

Die Rezension zu “Verschleppt” gibt es jetzt hinter diesem Link!

Kappl (Maximilian Brückner) und Deininger (Gregor Weber) gehen ab

Der Saarländische Rundfunk hat beschlossen, nach einer weiteren, noch zu sendenden Folge mit dem Titel “Verschleppt” das Duo Franz Kappl und Stefan Deininger durch einen oder mehrere neue Ermittler zu ersetzen.

Das ist der Grund, warum wir die Vorschau zu einem  neuen Tatort bereits 7 Wochen vor dem Sendetermin posten. Wir finden, dieser Abgang ist, wenn er schon nicht in einem eigenen Artikel betrachtet wird, eine frühzeitige Ankündigung der letzten Folge der beiden wert.

Doch zunächst die Handlung von “Verschleppt”:

Am Stadtrand findet ein Spaziergänger die Leiche einer jungen Frau. Schnell zeigen die Ermittlungen, dass es sich um ein Opfer handelt, das als Mädchen offenbar entführt wurde und lange als vermisst galt. Kurz darauf taucht eine zweite junge Frau auf, die ebenfalls lange vermisst war. Sie lebt, ist jedoch völlig verstört. Offenbar wurden beide Mädchen vom selben Täter entführt und unter unmenschlichen Umständen festgehalten. Für die Hauptkommissare Kappl und Deiniger beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: hat der Entführer weitere Mädchen in seiner Gewalt?

(Quelle: PROSAAR Medienproduktion)

Das verflixte siebte Jahr

Sieben Fälle durften die beiden in dem kleinen Land an der französischen Grenze ermitteln, als asymmetrisches Team. Der Kopf- und der Bauchmensch, der verschlossene Grantler aus dem Grenzland und der unkompliziertere Jungpolizist aus Bayern. Sieben Fälle, das sind immerhin sieben Jahre, da der SR pro Jahr nur eine Tatortfolge beisteuert.

Deininger (Weber), der Original-Saarländer, Kappl (Brückner): Unterschiedliche Typen, Mentalitäten, Herkünfte.

“Die Geschichte sei zu Ende erzählt”, hieß es beim Saarländischen Rundfunk (Quelle: BILD). Wir finden das nicht und können sehr gut die weit überwiegende Meinung der Kommentatoren dieser und anderer Meldungen zum Thema nachvollziehen, dass der Abgang der beiden schade ist – und dass es Ermittler gibt, an denen man sich schneller satt sehen kann als an Kappl & Deininger. Die beiden waren intelligent und detailliert angelegt, vor allem Deininger, der mittlerweile eine Saarland-Institution ist und dessen schauspielerische Anfänge bis in die Familie Becker zurückreichen. Schon damals hieß die Figur mit Vornamen Stefan(sche). Aus derselben Serie hat man Alice Hoffmann bis ins heutige Tatort-Team hinübergerettet. Für Insider ist diese Tradition von Bedeutung, übergeordnet betrachtet vielleicht nicht so sehr, aber sie trägt zur objektiv hohen Authentizität des gegenwärtigen Teams bei.

Ein Start mit Fragezeichen

Natürlich wurde zu Beginn ein wenig sehr auf die frankophile Tube gedrückt, aber das war unter dem langjährigen Vorgänger der beiden, Max Palü (Jochen Senf) genauso – und als Figur bot er weit weniger Spannung als die beiden Jungkommissare. Apropos jung: Ja, wir schrieben in Rezensionen zu den neueren Saarbrücker Tatortfolgen ab 2006, dass uns Kappl manchmal zu blass wirkte. Jetzt haben wir den Grund – er ist als Dienststellenleiter (mit 27 Jahren) und leitender Ermittler noch ein wenig zu grün hinter den Ohren. Zumindest war er das, als er 2006 startete. Deiningers Enttäuschung, dass er als vorheriger Assistent von Max Palü nicht übernehmen durfte, war nachvollziehbar und sprach auf eine ebenfalls authentische Weise das Gerechtigkeitsgefühl an. Passenderweise hieß die erste Folge des neuen Teams “Aus der Traum” (noch nicht für die TatortAnthologie rezensiert).

Gut eingearbeitet

Aber das war der einzige wesentliche Mangel der neuen Folgen, und die Geschichte ist bei weitem nicht zu Ende erzählt. Die beiden bieten, gerade, weil sie so jung sind, weil sie sich zum Team zusammenraufen  mussten, viel Potenzial für weitere Entwicklungen. Die Folgen der beiden waren teilweise im oberen Drittel dessen angesiedelt, was wir uns bisher an Bewertungsspielräumen (zwischen 9,0 und 5,0) innerhalb der TatortAnthologie gegönnt haben – die Anthologie besteht aus mittlerweile 110 rezensierten Tatorten. Wir meinen also, uns schon ein Urteil darüber erlauben zu dürfen, wie die Saarland-Krimis einzuordnen sind.

Typisch saarländisch

Natürlich haben wir jetzt, wo es mit dem Bayern und dem Saarländer nicht weitergehen soll, ein paar Wünsche. Zunächst natürlich, dass es überhaupt weitergeht. Jeder der ARD-Sender hat mindestens einen Tatort und es darf auch keine Rolle spielen, dass der klamme SR von der Degeto bezuschusst werden muss – das gilt für andere kleine Anstalten wie Radio Bremen genauso. Das Lokalkolorit sollte ebenfalls erhalten bleiben, auch wenn es zugegebenermaßen in Saarbrücken mehr eine Rolle spielte als etwa in Leipzig, Bremen oder gar in Münster, wo die Ermittler das Programm sind, die Gegend aber eher austauschbar daherkommt.

Kappl und Deininger gehörten zwar nicht zu den beliebtesten Tatort-Ermittlern, weder die Quote noch die Bewertung ihrer Folgen in der Tatort-Community betreffend, aber die Konkurrenz ist mittlerweile riesig. Immer mehr Topschauspieler übernehmen derzeit wieder Rollen für diese Flagschiff-Serie der ARD, das wirkt sich auf die relative Bewertung aus. Weder Brückner noch Weber stehen dabei in der vorderen Reihe. Ob der Anspruch des SR aber in diese Richtung gehen darf, ist eine andere Frage. Das Saarland ist kein prätentiöses, dramatisch-wuchtiges Land, sondern eines mit eher unspektakulären Typen und Begebenheiten.

Unter Berücksichtigung dieser Realität hat Gregor Weber als Stefan Deininger sehr authentisch gewirkt, und, um es noch einmal zu erwähnen, er stammt tatsächlich “von hier”. Die Fälle hingegen waren für saarländische Verhältnisse teilweise schon sehr aufgebrezelt, fügten sich aber gut in ein anderes Schema ein: Das der modernen, formal hochwertigen, aktions- und symbolreichen Tatort-Gestaltung. Es besteht aber gewiss kein Zwang, dass ein Ermittler aus der Gegend stammen muss, in welcher er tätig ist. Das war noch nie zwingend, oft nicht einmal wünschenswert – und im Saarland ist der Pool an Nachwuchssschauspielern, die einen Tatort tragen können, mehr als überschaubar.

Was oder wer wird kommen?

Eine Prognose, wie es weitergehen wird, wagen wir nicht. Vielleicht wird der Saarbrücker Tatort weiblicher werden, das läge im Trend. Vielleicht wird er mehr die Tatsache abbilden, dass auch im Saarland viele Migranten leben – bisher gab es im Ermittlerteam nur die exklusiv wirkende Dr. Rhea Singh (Lala Yavas), dem Namen nach indischer Herkunft und damit nicht gerade repräsentativ für die Ethnien, die ins Saarland in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich eingewandert sind (wie in der übrigen Bundesrepublik sind die heute hier lebenden Immigranten hauptsächlich türkisch- und italienischstämmig).

Der Verdacht, dass der künftige Saarland-Tatort von diesen beiden Singles ohne Kinder, ohne hintergründiges Privatlebenn weg und hin zum Mainstream einer komplizierten Privatverortung gebürstet werden soll, liegt nahe und ruft ein ungutes Gefühl hervor. Austauschbar waren die beiden nicht ohne Weiteres, sondern eigenständige Geschichter in der großen Tatortermittler-Gemeinde. Vor allem auf Gregor Weber als Stefan Deininger traft das von Beginn an zu. Wie sehr sie uns fehlen werden, hängt von den Nachfolgern ab. So ungnädig ist die Welt und ist der Fernsehzuschauer, auch in seiner Funktion als Kritiker. Letzterer hat aber die Möglichkeit, später noch Folgen der beiden zu betrachten und zu bewerten, wenn sie schon Geschichte sind. Das tun wir ja auch mit Stoever & Brockmöller, mit Flemming und den anderen. Dann wird ein gewisser Nostalgieeffekt hinzukommen. Ein ehemaliges Ermittlerteam mehr, über dessen Fälle wir gerne schreiben.

Wir werden den letzten Fall der beiden ungleichen Kumpels genießen – am 23. Januar, zur üblichen Zeit auf dem üblichen Sender und gelassen auf das Jahr 2013 warten, denn denn so lange müsste es nach dem Turnus der letzten Jahre dauert, bis wieder ein Tatort aus Saarbrücken ausgestrahlt wird.

Die bisher für die TatortAnthologie rezensierten Folgen des Duos:

Artikel gibt es beim Wahlberliner bisher zu drei Folgen der beiden – die Hälfte der aktuell von ihnen gelösten Fälle. Keine der Folgen haben wir mit weniger als 7/10 bewertet, eine sogar mit 8,5/10.

Verschleppt (TatortAnthologie 125)

Das schwarze Grab (TatortAnthologie 82)

Hilflos (TatortAnthologie 55)

Bittere Trauben (TatortAnthologie 3)

dWB/AP/11-12-04
dWB/AP/12-01-22 – Ergänzung TatortAnthologie 125, Stilkorrekturen in den ersten Absätzen

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Veröffentlicht unter: 2. Kultur