Titelfoto (c) BR
Ein ganz normaler Tatort?
Erst eine recht detaillierte Inhaltsangabe wie die auf www.kino.de zeigt etwas auf, das bei gutem Drehbuch und ebensolcher Regie zu einem faszinierenden 60. Fall für Batic und Leitmayr, den Müchener Tatortkommissaren, werden könnte.
Es ist ja immerhin ein kleines, großes Jubiläum, denn immer noch führen die beiden im Dienst ergrauten Herren, die Rangliste mit den meisten Tatortfolgen an. Es ist also angemessen, etwas Besonderes zu bringen. Schon die Titelgebung ist mysteriös – verschiedene Quellen geben als Titel “Ein ganz normaler Mord” an, andere “Ein ganz normaler Fall”.
Das Einsteigen ins Judentum, das in Deutschland, wie schon in der Inhaltsangabe zu lesen ist, mit viel Fingerspitzengefühl angegangen werden muss, könnte zu einer filmisch hervorragenden Reise in eine tatsächlich faszinierende Welt werden. Es ist keine Frage, dass die Verbindung von archaischen Vorstellungen und modernen Lebensformen, die in einem Spannungsverhältnis stehen könnten, ein tragfähiges Gerüst für einen Extraklasse-Tatort darstellt.
Die Münchener haben es unter der Leitung der verstorbenen Silvia Koller verstanden, Themen so anzufassen, dass zumindest keine Giftschrank-Folgen zu beklagen waren, wir gehen davon aus, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Dieser Tatort ist zu wichtig, um ihn zu versemmeln und zu einer schlechten jüdischen Ehrenmord-Variante werden zu lassen. Dass dies unangemessen wäre, macht ihn allerdings auch vorhersehbar: Archaische religiöse Vorstellungen werden, das wird sich am Ende vermutlich herausstellen, nicht für den Mord an der jungen Leah motivgebend sein, die religiösen Würdenträger werden nicht Täter sein. Ein ganz normaler Mord also doch? Die Wahrheit über den Wert unserer Spekulation wird am 27. November, gegen 21:45 Uhr, ans Licht kommen.
Selbst wenn es ein normaler Mord ist, sollte man diesen Tatort nicht versäumen, denn das Judentum in seinen Facetten ist nicht nur ebenso mystisch wie einflussreich, jede Information darüber ist es wert, aufgenommen zu werden, damit man mehr über eine Religion weiß, die gerade in Deutschland oft hinter einem Bild von den Schrecken des Holocausts verschwindet. Spannend ist das Judentum an sich, dazu bedarf es keiner Einkleidung in ein Krimigewand, interessant wird aber zusätzlich das Erlebnis von Batic und Leitmayr sein und wie sie sich in dieser Welt bewegen, da doch schon das Christliche nicht die ihre ist. Aus Rücksicht auf die verschiedenen Weltanschauungen der Zuschauer sind die Tatort-Ermittler grundsätzlich neutral und werden nicht als Angehörige oder gar Praktizierende einer Religion gezeigt. Dahinter ist allerdings auch ein Statement auszumachen: Sie sind Realisten, Atheisten oder Agnostiker, die auf jeden Fall jedem Extremismus abhold sind, sei er politisch motivert (hier gibt es bei den weiblichen Ermittlern Ausnahmen) oder religiös (alle Ermittler und Ermittlerinnen).
Wir werden die Erstausstrahlung von “Ein ganz normaler Mord” ansehen und für unsere Leser rezensieren – wir freuen uns, dass das ausklingende Jahr 2011 noch einen Tatort bringen wird, dessen Qualität man nicht aufgrund des interessanten Themas und der vielversprechenden schon vorab mit Bestnoten belegen sollte, der aber jedenfalls zu den wichtigen gehört.
dWB/AP/11-11-13
Cemal
16. November 2011
Der Facebook Gefaellt mir Button wuerde sich gut im Blog machen, oder habe ich ihn uebersehen?