Mauerpark – Tatort 815 / TatortAnthologie 105

Geschrieben am 24. Oktober 2011

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Tatort

ES 23.10.2011 / Titelfoto (c) RBB, Julia von Vietinghoff

I. Ein kühles Jubiläum

Die kalten Bilder haben in den meisten der Tatorten dominiert, die wir zuletzt rezensiert hatten. Daran schließt sich “Mauerpark” nahtlos an. Die Ästhetik der emotionalen Reduktion ist aber in Berlin schon seit Längerem Programm und zieht sich wie ein beinahe farbloser Faden durch die bisherigen Tatorte des heutigen Teams Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic).

Schon nach kurzer Zeit fällt am Drehbuch etwas auf: Man hat die Reduktion dieses Mal noch weiter getrieben, indem man Ritter und Stark völlig von ihrem Privatleben abgeschnitten hat. Das ist für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, erlaubt aber die Konzentration auf den Fall.

“Ich mag junge Männer nicht, sie sind so flach”, sagt die junge Nadja Skrebber zu Till Ritter. “Ich komme wieder”, gibt dieser zurück. In dem Moment waren die Befürchtungen groß, dass der graue Wolf wieder ein junges Reh zur Strecke bringen wird, aber man hat nur ironisch mit seinem Image gespielt, es entsteht kein Verhältnis. Auch das Familienleben von Felix Stark, dem allein erziehenden Vater, wird nur ganz indirekt relvant: Indem er klar Position gegen die mögliche Freilassung von Kindesmördern und Sexualstraftätern nach 15 Jahren bezieht und damit das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur deutschen Sicherungsverwahrung ablehnend kommentiert.

Es ist aber dieses Mal Till Ritter, der in seiner klaren Festbindung an die Aufgabe und seinem kühlen, scharfen Spiel die eindeutig bessere Ermittlungsfigur abgibt. Das erkennt auch Lukas Vogt: “Der Große ist gefährlich – der Kleine nicht”. Dieser gute Eindruck erhält sich leider nicht bis zum Schluss, denn die für Berlin nicht untypische Lösung, den Täter sich selbst im Dialog mit anderen Verdächtigen verraten zu lassen, funktioniert unzureichend. Diese Aktion ist zu dilettantisch ausgeführt, nicht nur für eine Hauptstadtpolizei, und ob der Gerechtigkeit wirklich Genüge getan wird, indem Ina Kilian stirbt, ist fraglich. Deshalb gibt es nach dem eigentlichen Ende auch noch einige Extra-Minuten, in denen Ritter imDialog mit Lukas Vogt die moralische Seite von dessen raffiniertem, aber letztlich fehlgeschlagenem Racheplan beleuchtet.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Ritter und Stark werden im Präsidium von Vogt, einem jungen und nervigen Verrückten, aufgesucht, der behauptet, verfolgt zu werden. Ritter wirft ihn hinaus. Wenig später werden die Kommissare zur Leiche eines Mannes gerufen. Ein bekannter Anwalt wurde ermordet. Auch Vogt streunt um den Tatort im Mauerpark herum.

Ritter und Stark ermitteln in der Vergangenheit des Strafverteidigers Herzog und stoßen auf Drohbriefe eines seiner Opfer, Muller. Die Kommissare vernehmen ihn und geraten in einen Fall, der 25 Jahre zurückliegt und mit der Entführung eines Babys aus einer Industriellenfamilie zu tun hat.

Damals ging Muller als Hauptverdächtiger ins Gefängnis und die Kommissare wundern sich, dass er heute wieder als Hausmeister bei Ina Kilian, einer in Berlin bekannten Charity-Lady und Tante des damals entführten Babys lebt und arbeitet.

Sie fragen sich, was Vogt mit all dem zu tun hat, und kommen nach und nach hinter den meisterlichen Plan eines ehemaligen Opfers, das heute zum Täter wird.

Besetzung
Rolle Darsteller
Till Ritter Dominic Raacke
Felix Stark Boris Aljinovic
Lukas Vogt Robert Gwisdek
Ina / Laura Kilian Rebecca Immanuel
Gregor Müller Sven Lehmann
Lutz Weber Ernst Georg Schwill
Simon Herzog Christopher Gareisen
Nadja Skrebber Eva Bay
Stabliste
Aufgabe Name
Regie: Heiko Schier
Buch: Heiko Schier
Kamera: Frank Lamm
Musik: Christopher Bremus

(Handlung, Besetzung, Stab: DAS ERSTE)

III. Rezension

Ein Ritter ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Tadel

Die Präsenz von Dominic Raacke als Hauptkommissar Till Ritter kann sehr überzeugend sein, wenn  man die ganzen Mätzchen, die sonst mit seiner Figur in Verbindung stehen, weglässt, und ihn ruhig und mit kühler Distanz ermitteln lässt. Dass er dabei einmal den Boden unter den Füßen verliert und am Ende eine wenig überzeugende Polizeiaktion zur Täterermittlung leitet, hätte nicht sein müssen, aber sonst überzeugt er schauspielerisch und physisch. Letzteres mag daran liegen, dass dieses etwas Pausbäckige beinahe verschwunden scheint, die größere Schärfe seiner Gesichtszüge passt gut zu seiner konzentrierten und aufs Wesentliche eingestellten Rolle in “Mauerpark”.

Wenn man Ritter so zeigt, wird auch das wieder deutlich, was wir bei unserer ersten Rezension des heutigen Berliner Teams (“Oben und unten”) schon beschrieben haben: Dass der Große den Kleinen zwangsläufig dominiert. Da man Boris Aljinovic dieses Mal keine wesentlichen emotionalen Akzente setzen ließ, kommt dieser Effekt in aller Deutlichkeit heraus. Dass er für eine weitere Besonderheit dieses Krimis sorgt, ist allerdings ebenso ersichtlich: Sein Kommentar zur Freilassung von Kindesmördern, Sexualstraftätern und ähnlichen Tätertypen nach 15 Jahren und die laut EGMR unrechtmäßige bisherige deutsche Praxis der anschließenden Sicherungsverwahrung darf er mit einer negativen Meinung belegen, ohne dass jemand anderes die Gegenposition bezieht und damit für Ausgewogenheit – aber auch für Verwässerung sorgen darf. Es ist davon auszugehen, dass die Produzenten des Films und die Verantwortlichen beim RBB diese klare Position mitzutragen hätten, falls es eine gäbe.

Das Thema selbst ist allerdings schon vielfach abgehandelt worden und der dazugehörige Handlungsstrang ist Nebensache, dient nur dazu, Motive für die  Ermordung des Strafverteidigers Herzog zu finden und eine falsche Fährte zu legen.

Die Crux mit dem Plot

Ob es gut ist, dass der Drehbuchautor auch der Regisseur eines Filmes ist? Einerseits kann derjenige, der das Drehbuch verfasst hat, am besten die darin enthaltenen Ideen bildlich und konzeptionell umsetzen – und auf diese Weise ein sehr geschlossenes Werk entstehen lassen. Andererseits gibt es keine Diskussion zwischen kreativen Geistern – und die wäre bei “Mauerpark” vielleicht notwendig gewesen.

Der Plot wirkt ungeheuer konstruiert, sicher logisch für denjenigen, der ihn verfasst und dann auch umgesetzt hat, aber nicht unbedingt für den Zuschauer. Das Verhalten von Lukas Vogt (Robert Gwisdek) ist genauso weit  hergeholt wie das von Gregor Müller (Sven Lehmann), beide müssen aber so handeln, damit der Plot funktioniert: Der eine geht für seine Herrschaft ins Gefängnis und sitzt drot brav fünfzehn Jahre ab, der andere lebt genau 23 Jahre erst hinter dem eisernen Vorhang, dann ohne diesen und plötzlich tritt er auf den Plan und bringt die Ereignisse ins Rollen. Auch die Symbolik “G88″ – herrlich, wie die Ermittler auf der einen Seite immer wieder lange brauchen, um auf die Idee dahinter zu kommen – und dann wieder verblüffend nachlegen. Den Hintergrund der Jahreszahl zu erraten, war nicht so schwer – das Gotha aber schon.

Auch die Motivation des Zwillings Ina Kilian ist ganz schön over the top. Nichts hat auf eine so extreme Rivalität mit ihrer Schwester Laura hingedeutet, dass sie deren Kind hätte entführen können und es dann in der DDR zurückließ, anstatt es zu töten, wie geplant. Im Film wird auch einmal gesagt, genetisch gleiche Schwestern könnten das perfekte Verbrechen ausführen, da sie sich so ähnlich sehen, dass einer von ihnen niemals die Anwesenheit an einem Tatort einwandfrei nachzuweisen sein dürfte. An sich ein guter Gedanke, aber 1988, als die Kindesentführung stattfand, hatte an die Bedeutung dieses Aspektes aus genetischer Sicht noch gar niemand gedacht, weil es noch keine DNA-Analyse gab.

Die Berliner Tatorte heutiger Prägung quietschen öfter in der Logik, offenbar gehört das zu einer Stadt dazu, in der das gründliche Nachdenken und die innere Ruhe auch beim Verfassen von Drehbüchern offenbar nicht möglich sind. Die Glaubwürdigkeitsprobleme, welche die Verdächtigen-Figuren mit sich herumtragen, schwächen diesen Tatort erheblich, und das hat nichts mit den Schauspielern zu  tun, sondern mit ihren Rollen.

Ein Hauch von Grusel

Für weiteres Kopfschütteln sorgt die Nebenhandlung mitsamt ihrer wirklich brutal eindimensionalen Botschaft. Die Mutter des getöteten Kindes ist ein Wrack, das aber munter jeden Tag und den ganzen Tag zum Protestieren gegen die Freilassung von Kindesmördern unterwegs ist und am Schluss ein Schild mit der Aufschrift “Schuld” hochhält – viel zu abstrakt für eine solche einfache Frau, auch wenn damit ein Konnex zur Haupthandlung geschaffen werden soll. Natürlich ist der Kindesmörder, der von den Ermittlern befragt wird, eine ganz komische Type, das macht es Felix Stark leicht, sich in der oben beschriebenen Weise zu äußern und dem Mann zu sagen, er würde ihn im engeren Sinn lebenslang wegsperren.

Das alles ist so hölzern und undifferenziert, dass man damit der Sache derer, die sich um ihre Kinder ängstigen, nicht unbedingt einen guten Dienst erweist. Es ist im Grunde nicht einmal eine Manipulation, sondern eine Anmaßung, die hinter diesem Part steht. Wie zum Beispiel die Mutter gezeichnet wird, das wirkt auf uns nicht erschütternd – vielmehr hatten wir unwillkürlich den Gedanken, dass jemand, der durch ein wie auch immer schreckliches Ereignis so zerstört wird (aber – sic! – die Kraft hat, ständig zu protestieren), genau auf diese Weise durch jeden Schicksalsschlag aus der  Bahn geworfen würde, weil er ein labiler Mensch ist. Es war aber nicht in Zeitplan, hier etwas mehr Individualisierung und Differenzierung zu verwirklichen – und deshalb haben wir eine klare Empfehlung: Wirklich ernste Themen sollten nicht so nebenbei abgehandelt werden, das ist unwürdig.

IV. Fazit

Die Tatorte aus unserer Wahlstadt haben ihre eigene Note, ihre spezielle Ästhetik – und sie haben spezielle Schwächen. Man hat nicht selten das Gefühl, etwas vollkommen Unwirklichem beizuwohnen, wenn man sich diese Folgen anschaut. Die Figuren schwächeln, weil sie Authentizität vermissen lassen, die Plots schwächeln, weil sie oft überladen und nicht logisch genug aufgebaut sind. Was “Mauerpark” noch halbwegs rettet, ist der Hauptkommissar Till Ritter. Seine Macho-Attitüden und ständigen Weibergeschichten haben wir hinreichend kritisiert – da genau diese Aspekte dieses Mal weggelassen wurden, wirkt er kompakt und als Polizist, bis auf die erwähnte Schlussszene, gereift und präsent. Dies führt dazu, dass “Mauerpark” nicht eine der schwächsten Wertungen bekommt, die wir bisher vergeben haben, sondern moderat unter dem derzeitigen Durchschnitt abschneidt – und mit 6,5/10 glimpflich davonkommt.

dWB/AP/11-10-24

 

 

 

 

 

 

 

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