Remember 9/11

Geschrieben am 11. September 2011

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07-10-12 Brandenburger Tor bea1 sw

Es soll nur ein ganz persönlicher Bericht werden. Ohne Fotos oder gar Videoeinspielungen und ohne vertiefte Informationen. Wie war das damals, am 11. September 2001?

Unser Tag, unsere Gefühle und was danach geschah und wie wir über die Ursachen und Folgen nachdachten und heute nachdenken, an diesem Tag der Erinnerung.

Dies ist für uns die einzig sinnvolle Herangehensweise bei einem Thema, das so gut dokumentiert, so komplex ist, bei einem Ereignis, das so dramatische Folgen hatte wie die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon in Washington am 11. September des Jahres 2001.

Es war ein sonniger Tag, auch in Deutschland. Für uns hatte er aus persönlichen Gründen schlecht begonnen oder war schlecht verlaufen, wie auch immer. Wir werden die Hintergründe hier nicht ausbreiten, nicht Dinge in Bezug zueinander setzen, die nicht vergleichbar sind.

Auf der Rückfahrt von einem dienstlichen Termin wurden wir im Auto angerufen: “Hast du schon gehört, das World Trade Center …?”

Wir verstanden zunächst gar nicht, worum es ging und was passiert war, drehten das Radio an und mussten noch Stunden warten, bis wir uns zuhause erste Bilder anschauen konnten. Bis heute und für alle Zeit haben sich diese Bilder eingebrannt. Wir werden sie niemals vergessen. Es gab auch damals, vor zehn Jahren, schon jeden Tag Hiobsbotschaften aus aller Welt, aber dies war etwas anderes. Niemals hätten wir geglaubt, dass es jemand wagen würde, die USA auf diese Weise herauszufordern und im eigenen Land anzugreifen.

Nein, wir gehören nicht zu denen, die glauben, die Bush-Regierung hatte den Anschlag selbst inszeniert, um rücksichtslos in fremde Länder einmarschieren zu können. Aber die Trümmer des WTC hatten noch nicht aufgehört zu rauchen, da wurde die politische Dimension bereits diskutiert. Über blankes Entsetzen bis hin zu “selbst schuld, Amerika!” gingen die Meinungen in unserem Bekanntenkreis. Wir sahen immer die Opfer und wehrten uns vehement dagegen, sie in Haft zu nehmen für die Politik ihres Landes, die zweifelsohne zur Verbreitung des Terrorismus in der Welt beigetragen hat und es immer noch tut, auch zehn Jahre nach 9/11.

Es gibt viele Stränge von Schuld und Verantwortung und niemand von uns ist wirklich unbeteiligt. Jede politische Entscheidung,  die wir treffen oder auch nur durch Wahlverhalten unterstützen, nimmt uns mit ins Boot. Da können wir nicht raus, und wenn es in Deutschland doch zu einem Anschlag kommen sollte, dann können wir ihn nicht verurteilen, ohne die Hintergründe zu beleuchten und unser Verhalten, unser Denken und unsere Lebensweise genau anzuschauen.

Al-Kaida hatte ein Ziel erreicht: Politisch und für viele Menschen auch wirtschaftlich waren die Jahre 2001 bis 2011 ein verlorenes Jahrzehnt und das Menetekel der brennenden Türme von New York ist ein Symbol dafür geworden, dass die Welt nicht befriedet werden konnte und dass der Hass seit 2001 eher gewachsen ist.

Wir werfen einen Blick zurück. Es geschah 1989. Die Blöcke stürzten ein und eine spannende, nicht immer einfache Zeit begann, in der Deutschland ziemlich  mit sich und der Wiedervereinigung beschäftigt war, in dem aber auch Schranken fielen – zum Beispiel die  militärischen Auslandseinsätze betreffend. Es gab die Aktienhausse und in Amerika war Bill Clinton Päsident, den wir sympathisch fanden und der uns mit einer kleinen Affären entzückte, die wir heute als Ausdruck einer naiven, wundervoll fortschrittlichen und freiheitlichen  Zeit empfinden. Es waren hoffnungsvolle Jahre.

Umso härter kam der Schlag von 2001. Wirtschaftlich gab es schon Verschleißerscheinungen, die Dotcom-Blase, die in den späten 90ern unaufhaltsam wuchs, hatte ein Loch bekommen. Politisch hatten wir den Wechsel von Clinton zu Bush zwar nicht begrüßt, aber auch nicht als dramatisch empfunden. War nicht Ronald Reagan für viel  gefährlicher gehalten und vor Amtsantritt gar von unseren linken Freunden dämonisiert worden und was war das dann für ein netter, älterer Herr. Nein, kein US-Präsident ist ungefährlich, und das Schuldenmachen begann damals auch so richtig und überhaupt sind wirtschaftlich Weichen gestellt worden, die man damals für richtig  hielt, auch die Ökonomen diesseits des Atlantiks waren begeistert, wie der Mann die US-Wirtschaft mit Schulden wieder flott bekam. Die Auswirkungen sehen wir heute, aber auch wir wurden damals in der Volkswirtschaftsvorlesung dahingehend instruiert, dass dies alles, nebst dem Thatcherismus, eine gute Sache sei.

Richtig übel wurde  es aber erst unter George Bush, der Unsummen für seine Kriege ausgab. Und diese sind zumindest in ihrer Rechtfertigung eine Folge von 9/11. Ohne diesen fatalen Anschlag hätte Bush seine bekanntermaßen schon vorher vorhandenen Ziele niemals durchdrücken können, das ist auch der Grund, warum man ihm gerne unterstellt, er habe selbst den Befehl zur Zerstörung des WTC und zu den übrigen Anschlägen gegeben.

Diese Theorien kamen schon bald auf und alle möglichen Sachverständigen wurden vor allem von privaten Fernsehstationen ins Feld geführt, die genau zu wissen glaubten, dass das WTC nicht durch die Flugzeugeinschläge allein hätte auf diese Weise einbrechen können, wie es dann in zwei unfassbaren Momenten geschah.

An jenem Tag ist mehr eingestürzt als nur ein Wahrzeichen der Stadt New York und ein Symbol des US-Kapitalismus. Es war der Glaube an eine neue, bessere Welt nach der Auflösung der alten Machtblöcke, der sich am 9. September 2001 als Illusion erwies.

Seitdem ist die Welt härter, zynischer, kälter geworden. Das Lebensgefühl mag privat noch positiv sein, hinsichtlich der Zustände auf dem Globus hingegen kann sich kein denkender Mensch mehr der Vorstellung hingeben, die Lage sei im Griff oder beherrschbar. Vor 9/11 gab es Visionen und Konzepte für eine neue, gerechtere und friedlichere Ordnung und viel Optimismus. Seitdem wird auf Sicht gefahren und wir haben erkannt, dass wir alle nicht wissen, was als Nächstes kommen wird.

Auch den ökologischen Projekten hat 9/11 übrigens sehr geschadet, das zum Nachdenken für diejenigen, die meinen, insgesamt sei es doch eine gute Sache gewesen, dass die USA eins auf die Mütze bekommen haben. Die Jahre danach waren von exorbitanten Militärausgaben geprägt, die Ökonomien wurden eingebremst und die USA hatten alle möglichen Dinge am Laufen, aber keinen Kopf für eine fortschrittliche Politik in irgendeiner Form. Wer weiß, vielleicht hätte George W. Bush, den auch in den USA viele Leute nicht für einen Erleuchteten halten, der aber nach den Anschlägen die richtigen Worte und damals für angemessen gehaltenen Taten fand, ohne 9/11 keine zweite Amtszeit erlebt.

Wir haben es gesehen, wie die Leute aus den Fenstern sprangen. Wir haben die Aufschläge gehört. Gefilmt wurde im zweiten Turm, der noch stand, die Reporter aus Frankreich waren mit der Einsatzleitung der Feuerwehr unterwegs in Staub und Chaos. Nie, niemals haben wir eine solche Dokumentation gesehen wie jene der Brüder Jules und Gédéon Naudet. Es war Zufall. Die beiden jungen Filmer aus Europa wollten eine Reportage über eine Einsatzgruppe der New Yorker  Feuerwehr drehen und daraus wurde eines der bewegendsten Zeitdokumente, das jemals entstanden ist. Wer den Film kennt, weiß, was wir meinen. Zehn Jahre später kommen alle Emotionen von damals wieder, wenn wir daran denken, wie auf diese Weise eine bis dahin noch eher abstrakte Katastrophe aus  in ein ganz persönliches und erschütterndes Zeugnis transformiert wurde.

Durch diesen Film mehr als durch alle Berichte verstehen wir sämtliche Gefühle zu diesem Tag, auch unsere eigenen. Doch was bleibt, ist das Trauma, das nicht nur den USA, sondern jedem, der sich in den 90er Jahren sicher und frei und der an eine bessere Welt geglaubt hat, mitgegeben wurde. Al-Kaida hat die Ziele des Anschlages erreicht, das ist keine Frage. Die Art, wie der Westen seitdem von einer Krise zur nächsten taumelt, wäre ohne 9/11 nicht denkbar gewesen. Die Dinge sind aus einem zuvor relativ stabilen Gleichgewicht geraten und das miserable Management aller Probleme unserer Tage hat auch mit 9/11 zu tun. Die drängenden Fragen wären ohne dieses Ereignis nicht so rasch aufgekommen und man hätte sich mehr auf Zukunftsprojekte konzentrieren können.

Vielleicht wäre sogar jemandem endlich eine Lösung für den Nahost-Konflikt eingefallen, der die Hauptursache für die  Anschläge vom 11. September 2011 darstellt und ohne dessen Beseitigung keine Aussicht auf ein Ende der Terrorismusgefahr besteht. Aber die Kraft, hier nach vorne zu gehen, die sehen wir jetzt nirgends, und das ist unter anderem eine Folge von 9/11.

Vielleicht kommt die Einsicht aus den Völkern selbst, aber niemals von ihren Politikern. Wenn gerade 450.000 Menschen in Israel auf die Straße gehen, weil die teure Siedlungspolitik die sozialen Zustände im Land dramatisch verschlechtert, wenn in den arabischen Ländern die Diktatoren gestürzt werden, dann könnte es noch zu einem guten oder wenigstens versöhnlichen Ende kommen, weil die Menschen es wollen und sehen, dass es so nicht weitergehen kann, in einem ewigen Wechselspiel, in dem Gewalt auf Gewalt folgt.

Wieder hoffen wir, wie vor dem 11. September 2001. Seltsam, wie unzerstörbar Hoffnung ist – oder auch nicht. Ohne diese manchmal sachlich nicht gerechtfertigte Grundausstattung unseres Wesens mit Hoffnung könnten wir angesichts der gegenwärtigen Weltbefindlichkeit einpacken.

Eines hätten wir aber vor 9/11 nicht so ausgedrückt: Dass wir befürchten, dass alle die Bewegungen dieser Tage nicht dazu führen werden, dass die grundsätzlichen Aversionen der Ethnien, Länder, Systeme gegeneinander verschwinden und einem weltweiten Vernunftfrieden Platz machen werden, wenn es schon keine Völkerverständigung aus dem Herzen heraus geben kann. Seit 9/11 gab es Hunderte von neuen, größeren und kleineren Konflikten weltweit. Und sie alle haben nur eine Ursache: Menschen neigen dazu, ihre Probleme mit Gewalt zu lösen und die Mächtigen unterdrücken die Ohnmächtigen.

Am 9. September 2011 haben sich die Ohnmächtigen auf eine dramatische Weise Aufmerksamkeit verschafft, indem sie unweit der Freiheitsstatue die angeblich freie Welt in Brand setzten. Ein Schrei hallte durch diese Welt, der bis heute als Echo fortwirkt. Jeden Tag können wir, wenn wir wollen, die Folgen für uns alle beobachten, obwohl in Deutschland keine Anschläge stattfanden. Verschärfte  Sicherheitsvorkehrungen, unzählige Gesetzesänderungen, welche Bürgerrechte eingeschränkt und den Zugriff auf Daten erleichtert haben. Kostspielige und mittlerweile auch opferreiche Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Ohne 9/11 hätte es kein Engagement in Afghanistan gegeben. Die Ursachen des  Terrorismus aber sind nicht beseitigt. Die asymmetrische Bedrohung hält an, so, wie die asymmetrischen Machtverhältnisse weiterhin der Nährboden für die Radikalisierung von Benachteiligten sind.

Wir gedenken der beinahe 3000 Opfer vom 11. September 2001. Aber wir können ihnen nicht zurufen: “Wir haben aus eurem Tod gelernt und er war nicht sinnlos.” Das wäre eine Lüge und wenigstens lügen wollen wir heute nicht.

dWB/AP/11-09-11

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