Seit März 2011 berichtet Der Wahlberliner regelmäßig über die Arbeitslosenzahlen in Deutschland.
Der Report Nr. 10 beinhaltet die Zahlen vom Juli 2011 für Gesamtdeutschland
I. Verfahren
Ist das sogenannte Jobwunder noch intakt? Und ist es wirklich ein Wunder? Was sagen die Zahlen, welche die Bundesagentur für Arbeit (Quelle für alle unsere Daten) bereitwillig liefert, über die wirkliche Lage am deutschen Arbeitsmarkt aus – und über die sozialen Zustände?
Diesen Fragen gehen wir in unseren Arbeitsmarktberichten nach und gehen dabei selbstverständlich von der Richtigkeit der von der Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung gestellten Daten aus.
- Der Aufbau der Arbeitsmarktreporte für Deutschland:
- Die Überschrift des jeweiligen Abschnittes.
- Die Zahlentabellen mit den neuesten Daten obenstehend, ab dem hier vorliegenden Juli-Report als anklickbare Grafiken.
- Zu derzeit zwei Abschnitten haben wir zusätzlich Balken- bzw. Liniendiagramme beigefügt, um die Daten zu veranschaulichen. Dabei haben wir uns bemüht, besonders solche Daten herauszugreifen, die in diesem Kontext von den Leitmedien nur selten veröffentlicht werden.
- Unterhalb der Datengrafiken und der Diagramme steht ein Erklärungstext, der im Wesentlichen von Report zu Report gleich bleibt, sofern sich die Gesetzeslage und damit die Berechnungsgrundlage der Datentabellen nicht verändert.
- Am Ende des jeweiligen Abschnittes gibt es
- in eingerückter Optik die jeweiligen Kommentare zum aktuellen Report.
- Alle neuen Daten in den Tabellen sind in der ersten Spalte mit blauer Farbe gekennzeichnet. Wir ergänzen nicht nur den jeweils aktuellen Monat des Reports, sondern zuweilen auch ältere Daten (in diesem Monat zum Beispiel die Zahlen für den Februar und den Januar 2011 für die Kernarbeitslosigkeit).
- Alle Zahlenreihen vergrößern sich durch Anklicken, das ist der Hauptgrund, warum wir die Tabellen jetzt als Grafiken anbieten.
Zum Verfahren müssen eine weitere Anmerkung machen: Abweichungen zwischen unserer Wiedergabe und den Angaben der Arbeitsagentur resultieren daraus, dass die Agentur ihre Zahlen rückwirkend anpasst. Wir bemühen uns mittlerweile, diese oft mehrere Monate zurückreichenden Veränderungen nachzubilden und weichen damit von unserer bisherigen Haltung ab, nicht jede Nachkorrektur seitens der BA, die sich ohnehin in der Gesamtstatistik nur im Promillebereich niederschlägt, zu übernehmen. Mittlerweile ist es eben doch unser Anspruch geworden, die endgültigen Daten zu präsentieren. Deshalb bitten wir unsere Leser, sich nicht zu wundern, wenn sich Daten zu längst vergangenen Monaten noch einmal bewegen.
II. Die Arbeitslosenquote nach § 16 III SGB III (Kernarbeitslosigkeit)
Die unter 1. und 2. aufgeführten Zahlen sind diejenigen, die in den Nachrichten häufig genannt werden, inklusive des Vergleichs mit dem Vorjahr und dem Vormonat. Wegen der deutlichen saisonalen Abweichungen ist es richtig, in erster Linie mit der Vorjahresquote zu vergleichen, nicht mit der des Vormonats.
Die Tendenz ist demnach weiterhin positiv, sie ist es ebenfalls, wenn man 2010 mit dem Krisenjahr 2009 vergleicht. Im Mai 2011 lag die Kernarbeitslosigkeit erstmals seit Herbst 2010 wieder unter 3.000.000 Personen, die Tendenz setzte sich im Juni fort – im Juli gab es einen leichten Anstieg, der von der Bundesagentur für Arbeit vor allem auf saisonale Gründe zurückgeführt wird.
Vorjahresvergleich: Rückgang des Rückganges? (Grafik und Kommentar)
- “Vergleicht man den Rückgang von April 2011 zu April 2010 gegenüber März 2011 zu März 2010, bemerkt man eine geringere Zahl. Das könnte darauf hindeuten, dass die Dynamik beim Rückgang der Kernarbeitslosenquote abflacht, aber es wäre unredlich, dies aufgrund eines einzelnen Monatsvergleiches bereits als Tatsache zu werten. Hierzu wird man mindestens noch die Zahlen vom Mai und vom Juni 2011 abwarten müssen, um sie mit den Vorjahreszahlen vergleichen zu können.”
So lautete unser Text vom Mai 2011, bezogen auf die April- und Märzzahlen. Im Mai und im Juni setzte sich die Abflachung der positiven Entwicklung der Kernarbeitslosenzahlen allerdings fort, wie die nebenstehende Grafik ebenso belegt wie die obigen Tabellenzahlen. Lag im März der Rückgang der Arbeitslosenquote gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat noch bei ca. 350.000 Personen, waren es im Mai nur noch etwa 275.000 und im Juni weniger als 255.000, im Juli nun beträgt der Rückgang der Kernarbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr etwa 247.000 Personen.
Wir haben das im für den Juli-Report erneut geänderten und auch um die Januar- und Februarzahlen ergänzten Diagramm veranschaulicht: Von einem dynamischen Abbau der Arbeitslosigkeit wäre zu sprechen, wenn die kürzeren Balken, die den Rückgang gegenüber dem Vorjahresmonat veranschaulichen, über der Nulllinie lägen – das gab es in den Monaten Febrauar und März durchaus, wir haben diese beiden Balken dunkelblau eingefärbt. Seitdem aber verlangsamt sich der Rückgang der Kernarbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr. Wenn man so will, kann man allerdings seit Juni von einer Verlangsamung der Verlangsamung sprechen – der im Juli so gering ist, dass er auch als zufällig angesehen werden kann. Dennoch hat die Dynamik des Abbaues bei der Kernarbeitslosigkeit seit März deutlich nachgelassen.
Wenn man also den Rückgang der Kernarbeitslosenquote als Kerntatbestand des Jobwunders ansieht, ist dieses nun möglicherweise in seiner Spätphase angekommen.
Auch der Rückgang der Konjunkturindizes (IFO-Indizes für Unternehmen und GFK-Indizes für das Konsumklima) im Juli 2011 deutet darauf hin, dass zumindest mit einer Abkühlung der Wirtschaft gerechnet wird.
4. Wie umfassend sind die Quoten der Kernarbeitslosigkeit nach § 16 III SGB III?
Mancher Leser mag sich wundern, dass wir bisher von “Kernarbeitslosigkeit” gesprochen haben, das ist ein Begriff, der in den Medien kaum vorkommt. Wir wollen diese Unterscheidung zu allen erweiterten Formen von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung aber machen, damit klarer wird, dass die Kernarbeitslosigkeit bei weitem nicht die gesamte Lage am Arbeitsmarkt wiedergibt.
Die Kernarbeitslosigkeit bemisst sich nach § 16 III SGB III. Demnach fließen in die unter 2. und 3. genannten Statistiken diejenigen Personen ein, die
1. vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen,
2. eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und
3. sich bei einer Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet haben.
Wer nur das SGB III liest, wird also nur eingeschränkt wahrnehmen können, wie hoch die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist, denn dieses Gesetz ist eng mit dem SGB II verzahnt, das die Welt der ALG II-Empfänger und überhaupt der Hartz-IV-Empfänger regelt.
III. Die Arbeitslosigkeit “im weiteren Sinne)
1. Erwerbsfähige ohne Arbeit ab einem Lebensalter von 59 Jahren
(Nicht als arbeitslos im Sinn von § 116 SGB III [Kernarbeitslosigkeit] gelten) (…):
c. Erwerbsfähige Hilfebedürftige, die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, gelten nach § 53a Abs. 2 SGB II dann nicht als arbeitslos, wenn ihnen in diesem Zeitraum keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten werden konnte.
3. Weitere Personengruppen im Bereich der erweiterten Arbeitslosigkeit
Dieser Gesetzestext zeigt bereits ein anderes Bild. Hier wird u. a. die nicht geringe Dauerarbeitslosigkeit im Alter aus der Statistik der Kernarbeitslosenquote, die uns immer wieder im Fernsehen präsentiert wird, herausgerechnet. Rente ab 67 – aber wer bereits mit 58 keinen Job mehr findet, gilt nicht als arbeitslos im Sinn der unter I. aufgeführten Kernarbeitslosigkeit. Gleiches gilt u. a. für Menschen, die nur Minijobs bis 15 Stunden pro Woche finden.
Weiterhin ist davon auszugehen, dass Menschen dieses Alters, die dauerhaft keine Chancen mehr am Arbeitsmarkt sehen, freiwillig oder z. B. durch Sozialpläne in den Rentnerstatus wechseln und somit nicht nur aus dem Kreis der arbeitswilligen Erwerbspersonen ausscheiden, sondern auch aus der gesamten Arbeitsmarktstatistik.
Es gibt weitere Gruppen, die nur in den Bereich der erweiterten Arbeitslosigkeit fallen, die obige haben wir nur deshalb exemplarisch erwähnt, weil angeblich durch die demografische Entwicklung ältere Arbeitnehmer wieder gut gefragt sind. Dass dies bislang eine Chimäre ist, zeigt sich auch beim Blick auf die unter 1. genannte „Kernarbeitslosenquote“.
Nahm die Gesamt-Kernarbeitslosigkeit im Juni 2011 gegenüber dem Juni 2010 um die unter I. 1. erwähnten ca. 254.000 Personen ab, so stieg sie in der Altersgruppe ab 55 Jahre sogar um 11.200 Personen an. Die älteren Arbeitnehmer sind somit die Verlierer des sogenannten Jobwunders.
Zu berücksichtigen ist , dass Erwerbsfähige und -willige ab 59 Jahre, die zuvor 12 Monate keinen Job fanden, auch aus der Statistik der “erweiterten Arbeitslosigkeit” eliminiert werden; andernfalls wären die Zahlen für diese Altersgruppe vermutlich noch schlechter.
4. Kommentar zur Gesetzeslage der „erweiterten Arbeitslosigkeit“
Unter anderem wird die nicht geringe Dauerarbeitslosigkeit im Alter aus der Statistik der Kernarbeitslosenquote, die uns immer wieder im Fernsehen präsentiert wird, herausgerechnet. Rente ab 67 – aber wer bereits mit 58 bzw. 59 Jahren für mehr als 12 Monate keinen Job mehr findet, gilt nicht als arbeitslos im Sinn der unter I. aufgeführten Kernarbeitslosigkeit. Gleiches gilt u. a. für Menschen, die nur Minijobs bis 15 Stunden pro Woche finden. Die Gesetzeslage wurde hier, vorsichtig ausgedrückt, dem politischen Wunschdenken angepasst und die Gesamtarbeitslosigkeit, die wir “Kernarbeitslosigkeit” nennen, auf einen Schlag um ca. 300.000 Menschen gesenkt.
5. Kommentar zur Veränderung im Jahr 2011
Dass die erweiterte Arbeitslosigkeit in beinahe genau dem Maß zurückgegangen ist wie die Kernarbeitslosigkeit, lässt zumindest darauf schließen, dass aus den unter 1. genannten Gruppen kaum jemand wieder den Weg zurück in die (volle) Erwerbstätigkeit gefunden hat. Zwar ist auch ein Austausch zwischen Personengruppen denkbar (in Wirklichkeit etwas geringerer Abbau der Arbeitslosigkeit nach § 16 III SGB III, dafür zusätzliche Eintritte ins Erwerbsleben nach SGB II), aber nicht sehr wahrscheinlich.
Im Mai 2011 gab es eine leicht positive Entwicklung, der Rückgang der erweiterten Arbeitslosigkeit fiel um etwa 10.000 Personen stärker aus als bei der Kernarbeitslosenquote unter III, im Juni waren es 7.000 Personen, im Juli war der Anstieg mit ca. 40.000 Personen leicht niedriger als bei der Kernarbeitslosigkeit (ca. 45.000 Personen). In der Gesamtbetrachtung ist dies jedoch ein geringer Wert, wir erwarten weiterhin keine wesentliche Angleichung der Kernarbeitslosenquote und derjenigen der erweiterten Arbeitslosigkeit.
IV. Die Unterbeschäftigung, verschiedene Sichtweisen
Berichtet man über Arbeitslosigkeit, kann man es aber nicht bei der Kernquote (I.) und auch nicht bei der Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne (II.) bewenden lassen. Es gibt eine ganze Reihe von Personen, die nicht vollumfänglich von ihrem Arbeitseinkommen leben können und der staatlichen Zuwendung bedürfen – die zum Teil zeitlich, manchmal aber auch nur bezüglich der Erträge aus ihrem Arbeitseinkommen unterbeschäftigt sind.
1. Die Unterbeschäftigung nach Interpretation der Arbeitsagentur
So, wie es eine Arbeitslosigkeit im engeren Sinn gibt, aus der ältere Arbeitslose und Minijobber nicht entahlten sind, existiert auch eine Unterbeschäftigung im engeren und eine im weiteren Sinn. Wir lassen die statistischen Interpretationshilfen der Bundesagentur für Arbeit sprechen:
Unterbeschäftigung im engeren Sinne (i.e.S.) = Zahl der Arbeitslosen i.w.S. plus Zahl der Personen, die an bestimmten entlastend wirkenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen oder zeitweise arbeitsunfähig sind und deshalb die Kriterien des § 16 Abs. 1 SGB III (Beschäftigungslosigkeit, Verfügbarkeit und Arbeitssuche) nicht erfüllen. Personen in der Unterbeschäftigung im engeren Sinne haben ihr Beschäftigungsproblem (noch) nicht gelöst; ohne diese Maßnahmen wären sie arbeitslos.
Unterbeschäftigung (im weiteren Sinn, Anm. d. Verf.) = Unterbeschäftigung i.e.S. plus Zahl der Personen in weiteren entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die fern vom Arbeitslosenstatus sind und ihr Beschäftigungsproblem individuell schon weitgehend gelöst haben (z.B. Personen in geförderter Selbständigkeit und Altersteilzeit); sie stehen für Personen, die ohne diese arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen arbeitslos wären.
2. Die Zahlen zur Unterbeschäftigung im weiteren Sinn
Dies ist die gesamte Zahl der Erwerbspersonen, die arbeitsfähig sind, aber keine auskömmliche Arbeit haben; inklusive derer, die in verschiedene Fördermaßnahmen eingegliedert sind oder deren Selbstständigkeit von den Arbeitsagenturen oder Jobcentern unterstützt wird.
Sie liegt, wie schon in den Vormonaten, um mehr als eine Million Menschen höher als die unter III. ausgewiesene Kernarbeitslosigkeit (Juni: ca. 1.262.000 Personen, Juli ca. 1.186.000 Personen), entsprechend liegt die Quote der Unterbeschäftigung in Deutschland, wie die Arbeitsagentur sie darstellt, immer noch bei knapp 10 %.
Kurzarbeiter, die faktisch ebenfalls unterbeschäftigt sind, werden von der Arbeitsagentur hier nicht berücksichtigt. Sie sind zwar noch in Arbeitsverhältnissen, der Staat unterstützt aber auch diesen Personenkreis in der Form, dass er Kurzarbeitergeld zahlt, um Lohnverluste auszugleichen und die Unternehmen die erwünschten Einspareffekte bei den Personalkosten erzielen können. Damit bewahrt er viele Arbeitnehmer vor allem aus dem verarbeitenden Gewerbe vor offizieller Arbeitslosigkeit. Das halten wir für sinnvoll, aber natürlich kostet es den Staat Geld und es beeinflusst die Arbeitslosenstatistik positiv.
Die Zahl der Kurzarbeiter ist seit der Wirtschaftskrise, die sich in etwas von Ende 2008 bis Ende 2009 erstreckt und sich vor allem auf die Beschäftigung in der Konsumgüterindustrie stark negativ ausgewirkt hat, wieder deutlich rückläufig.
3. Kommentar zur Unterbeschäftigung und deren Veränderung im Jahr 2011
Zwar ist der Rückgang der Unterbeschäftigung bisher nominal etwas höher als derjenige der Kernarbeitslosigkeit ( um ca. 10.000 bis 15.000 Personen pro Monat, im Juli erstmals um 30.000 Personen im Monat, allerdings war im Juni auch der Rückgang der Kernarbeitslosenquote mit -0,1 % deutlich geringer als in den Vormonaten mit jeweils -0,3 %). Im Juli wiederum fiel der Anstieg der Unterbeschäftigung geringer aus als der Anstieg der Kernarbeitslosigkeit. Mehr als 100.000 Menschen haben offenbar ihre von der BA geförderten Maßnahmen beendet und einige davon sind in reguläre Arbeit oder in die ungeförderte Selbstständigkeit gewechselt.
Von der jeweiligen Datenbasis aus betrachtet, müsste der Rückgang der Unterbeschäftigung allerdings langfristig um diese ca. 25.000 bis 30.000 Personen höher sein, um einen gleich starken Rückgang der Quote zu erfahren wie die Kernarbeitslosigkeit. Berechnet man den Rückgang jedoch auf Basis der höheren Zahlen für die Unterbeschäftigung, ist der Rückgang prozentual im Jahr 2011 weiterhin geringer als bei den unter III. und IV. genannten Zahlen für die Kernarbeitslosigkeit bzw. die erweiterte Arbeitslosigkeit.
Nach diesen Zahlen ist davon auszugehen, dass die wirkliche Arbeitslosenquote also im Juli 2011 nicht bei 7,0 % liegt (Kernarbeitslosigkeit), sondern mindestens bei 9,7 %.
Eine Fördermaßnahme ist eindeutig keine reguläre Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt. Wir wollen hier keine Aussage darüber treffen, ob solche Maßnahmen sinnvoll sind oder nicht. Gleiches muss man generell für eine Selbstständigkeit sagen, die sich (noch) nicht trägt. Die statistische Erfassung beider Gruppen außerhalb der Kernarbeitslosigkeit bedeutet aber nichts anderes als eine erhebliche Verkürzung der Betrachtung von Arbeitslosigkeit und nicht auskömmlicher Beschäftigung als einem fortdauernden Massenphänomen im zweiten Jahr des wirtschaftlichen Aufschwunges und des Jobwunders.
4. Maßnahmen und die gesamte Unterbeschäftigung (Kommentar)
Die Zahl derer, die in Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit stehen, haben wir in einer gesonderten Tabelle aufgeführt und sie zur erweiterten, nicht zur Kernarbeitslosigkeit addiert, um auf unsere eigene Berechnung der Unterbeschäftigung zu kommen.
ie Bundesagentur für Arbeit unterscheidet hier nach Qualifizierung, Berufsausbildungförderung, beschäftigungsbegleitenden Leistungen und Beschäftigung schaffenden Maßnahmen, diese vier Gruppen sind oben in der Spalte “Teilnehmer” zusammengefasst.
Wir erfassen sie unter III. bei der Unterbeschäftigung, denn keine dieser Maßnahmen kann einer Arbeit am ersten Arbeitsmarkt gleichgesetzt werden, die sich selbst trägt und dem Staat Einnahmen durch Steuern und Abgaben einbringt. Auch hier wollen wir betonen, dass diese Feststellung keine Wertung über den Sinn oder die Qualität dieser Maßnahmen beinhaltet und dass solche Maßnahmen in der Folge durchaus zum Wiedereintritt in den ersten Arbeitsmarkt führen können. Es geht uns ausschließlich um Ehrlichkeit auf der Basis offizieller statistischer Daten. Zudem ist nicht einzusehen, warum die Maßnahmeteilnehmer nicht auf die erweiterte, sondern nur auf die Kernarbeitslosigkeit aufaddiert werden, wenn es darum geht, die wirkliche Unterbeschäftigung festzustellen. Wir haben dies für unsere eigene Berechnung der Unterbeschäftigung entsprechend korrigiert.
Die Unterbeschäftigung betrifft nach unserer Ansicht im April 2011 damit knapp 4,7 Millionen Menschen, im Mai immer noch 4,5 und im Juni mehr als 4,4 Millionen Menschen. Das sind nicht weniger als 10,5 % der Erwebsbevölkerung. Allerdings waren es im März noch 11,5 % und das ist durchaus ein signifikanter Rückgang. Aber die Entfernung von der medial und politisch so gerne dargestellten Arbeitslosenquote von derzeit 6,9 % ist sehr deutlich und macht mehr als 1.600.000 Personen aus.
Der Rückgang in diesem Bereich beträgt nach unserer Darstellung beinahe 200.000 Person von April 2011 auf Mai 2011, allerdings nur noch etwas mehr als 80.000 Personen von Mai auf Juni 2011. Auch in Juli ging die Zahl der nach unserer Definition Unterbeschäftigten noch einmal um ca. 36.000 Personen zurück. Auf einer allerdings höheren Basis ist unsere Variante also dem Jobwunder geneigter als die übrigen, weil sie berücksichtigt, dass offenbar mehr Menschen aus Maßnahmen entlassen wurden, als dann arbeitslos wurden. Die Unterbeschäftigungsquote liegt nach unserer Definition im Juli 2011 noch bei 10,3 % und um ca. 280.000 Personen höher als die Definition nach BA – gemäß der höheren Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne gegenüber der Kernarbeitslosigkeit.
V. ALG I und ALG II (nur erwerbsfähige Leistungsbezieher)
Ging die Zahl der ALG I-Bezieher in den Monaten März bis Juni 2011 jeweils deutlich zurück, hat sich dieser Trend im Juli umgekehrt und es beziehen wieder 40.000 Personen mehr ALG I als im Vormonat. Gleichzeitig gab es aber einen weiteren Rückgang der erwerbsfähigen Bezieher von ALG II um 33.000 Personen, sodass insgesamt nur 7.000 erwerbsfähige Personen mehr ALG I und ALG II beziehen als im Juni 2011 – eine deutlich geringere Zunahme als bei der Kernarbeitslosigkeit.
Die Zahl der erwerbsfähigen Empfänger von ALG I und ALG II ging von März bis Juli um ca. 268.000 Personen zurück, gegenüber einem Rückgang der Kernarbeitslosigkeit um 271.000 Personen. Prozentual ist das eine zu geringe Rückgangsquote und ein Beleg dafür, dass zu viele Arbeitsverhältnisse offenbar nicht dazu geeignet sind, die vollständige wirtschaftliche Unabhängigkeit vieler neu in Arbeit vermittelter Personen herzustellen. Die Quote der erwerbsfähigen ALG I- und ALG II-Bezieher verharrte im Juli bei 12,8 %, gemessen an der Erwerbsbevölkerung und ging seit März nur um 0,6 % zurück.
Somit beziehen weiterhin 5,4 Millionen Menschen, die arbeiten können, ALG I oder ALG II, das sind beinahe 2,5 Millionen mehr, als in der Statistik für die Kernarbeitslosigkeit ausgewiesen sind.
VI. ALG I, ALG II und Sozialgeld (alle Leistungsempfänger)
1. Monatsvergleich 2011
Diese Statistik geben wir erstmals an unsere Leser weiter, weil wir nicht die Gesamtzahl derer außer Acht lassen wollen, die gegenwärtig nicht vom Einkommen oder von der Rente leben kann. Der Unterschied zum unter V. erfassten Personenkreis liegt vor allem darin, dass nun auch nicht erwerbsfähige Personen eingeschlossen sind – in erster Linie Kinder.
Vergleichsgrafik Kernarbeitslosenzahl und Gesamtzahl von Leistungsbeziehern und Kommentar
Die Zahl der Leistungsempfänger aus ALG I, ALG II und Sozialgeld liegt im Juni 2011 bei ca. 7.175.000 Personen, erstmalig seit mehreren Monaten ist auch hier wieder eine leichte Zunahme um 9.000 Personen zu verzeichnen.
Außerdem sind dies ca. 4.240.000 Personen mehr als die Kernarbeitslosigkeit von ca. 2.940.000 Personen. Der Idealzustand wäre nicht nur eine geringere Kernarbeitslosigkeit, sondern vor allem eine geringere Differenz zwischen der Zahl der Leistungsbezieher und der Zahl der Arbeitslosen und der Vergleich zwischen den Zahlen unter V. und VI. belegt auch, wie Kinder in die sozial prekäre Situation ihrer Eltern hineingezogen werden – selbst, wenn diese arbeiten, aber dadurch ihre Familie nicht ernähren können.
Dass die Zahl der Leistungsempfänger um mehr als 140 % höher liegt als die Zahl der Kernarbeitslosen, dabei andere Subventionen, wie Familiengeld, Kindergeld, Wohngeld, noch gar nicht eingerechnet, ist mehr als bedenklich, vor allem in Hinblick auf die sich möglicherweise wieder abkühlende Konjunktur.
Zwar ist ein Rückgang beider Zahlen in etwa gleichem Maß festzustellen. Doch erscheint uns bereits der Rückgang der Kernarbeitslosenquote angesichts der Aufgaben, die auf Deutschland zukommen und der internationalen Verpflichtungen, die Deutschland zu erfüllen hat, viel zu gering.
Umso mehr gilt das für eine Quote von Leistungsbeziehern, die deutschlandweit immer noch bei mehr als 17 % der Erwerbsbevölkerung angesiedelt ist. Es nützt nichts, nur die Kernarbeitslosenquote von derzeit 7,0 % zu betrachten, wenn es weitere 10 % der Bevölkerung gibt, die nicht von ihrem Einkommen, noch von ihrer Rente leben können und auch mit den oben genannten sonstigen Subventionen kein Existenzminimum erreicht.
VII. Bisherige Berichte
dWB/AP/11-08-26







August 31st, 2011 → 19:48
[...] Diese Schnellinformation beinhaltet nur die Zahlen zur Kernarbeitslosigkeit und gibt eine kurze Einschätzung zur Dynamik am Arbeitsmarkt wieder, sie zeigt nicht die weiteren Begriffe von Arbeitslosigkeit und Untersbeschäftigung. Zur den umfassenderen Definitionen der Arbeitslosigkeit im Juli-Report. [...]