Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Geschrieben am 13. August 2011

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11-08-13 Berliner Mauer Ulbricht

50 Jahre ist es her, dass mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen wurde. Der Tag, an dem West- und Ostberlin voneinander abgeriegelt wurden, ist eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte gewesen. Die nächste fand am 9. November 1989 statt, als die Mauer sich öffnete. Es war der Abend, an dem die Wiedervereinigung eingeläutet wurde.

Zwölf Fragen und Antworten zur Mauer und eine Einleitung

Als Wahlberliner haben wir lange überlegt, ob wir uns zur Mauer äußern sollen, schließlich haben wir sie gar nicht erlebt – jedenfalls nicht in geschlossenem Zustand. Als wir kamen, war die Mauer schon lange Geschichte und touristisches Anschauungsobjekt in Form einiger Segmente, die man aufgehoben hat. Wir haben keine persönliche Erinnerung an den 13. August 1961, wohl aber an den 9. November 1989. Für uns begann die Stadt erst interessant zu werden, als sie frei war.

Wir sind in der Zeit, die wir nun hier leben, aber auch vielen Menschen begegnet, die durch die Wiedervereinigung und die neuen Zeiten auf die eine oder andere Weise negativ betroffen sind oder sich zumindest so fühlen. Da sind jene, die in der DDR eine Rolle gespielt haben und vielleicht keinen überragenden Wohlstand genießen konnten, aber sich in ihrer Position und gesellschaftlichen Stellung sicher waren.

Überrascht hatte uns zunächst, dass auch viele im Westteil der Stadt,in dem wir leben, die alten Zeiten als die besseren empfanden und es zum Teil heute noch tun. Da war diese Insel und Nische, die viele interessante Lebensentwürfe befördert oder erst ermöglicht hat; seitdem ist die Stadt internationaler, aber auch rauer geworden, so hört man es immer wieder heraus.

Und die innere Teilung ist bei den Älteren noch nicht überwunden – erst heute wieder wurden wir beim Einkauf Zeugen eines Gespräches zwischen einer Kassiererin und einem Herrn, der sich darüber beklagte, dass der Westen von Berlin medial kaum noch stattfindet und im Grunde der Kommunismus in ganz Berlin politische Wirklichkeit geworden ist. Das ist genauso falsch, wie die Wahrnehmung verständlich ist. Es gibt einerseits einen rot-roten Senat und der RBB akzentuiert seine Berichterstattung auf die Gegenden, in denen sich viel verändert – und es tut sich insgesamt nun einmal mehr im Ostteil der Stadt, andererseits ist das Gesamtsystem immer noch kapitalistisch nach westlichem Muster.

Für uns ist die Mauer aber rein historisch und wir genießen es, ganz Berlin erleben zu dürfen. Nicht alles, was wir sehen, ist gefällig und Vieles fordert zur Meinungsäußerung heraus, aber mit einer fortbestehenden Mauer wären wir nicht hier, denn wir wären niemals in eine eingemauerte Stadt gezogen.

Damit unterscheiden wir uns mental von denen, die vor der Maueröffnung hierher kamen – und haben uns ihnen in den vier Jahren unserer Berliner Zeit doch in gewisser Weise angenähert. Denn die alten Fragen sind noch nicht beantwortet, die Probleme nicht gelöst, sie haben sich vielmehr mit der Öffnung der ganzen Welt, auch Globalisierung genannt, erheblich verschärft.

Die Mauer bereiten wir heute für unsere Leser ein wenig in 12 Fragen und Antworten auf, die auch ein wenig die Geschichte der deutschen Teilung nachbilden. Einige Inspiration dazu kam aus diesem Quiz der ARD.

1. Wie viele Menschen verließen zwischen 1949 und 1961 die DDR in Richtung Westen?

  • Etwa 3.000.000 – mit stark steigender Tendenz in den ersten sieben Monaten des Jahres 1961 bis zum Beginn des Mauerbaus.
  •  Die DDR wäre besonders hinsichtlich gut ausgebildeter Fachkräfte komplett ausgeblutet, hätte sich der Abwanderungsstrom so fortgesetzt – und das ist anzunehmen, angesichts des immer größeren Wohlstandsgefälles zwischen dem Wirtschaftswunderland Bundesrepublik und den Ländern des damaligen Ostblocks, zu denen auch die DDR gehörte.

2. Wer sagte wann den berühmten Spruch “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten?”

  • Walter Ulbricht, SED-Chef und Staatsratsvorsitzender der DDR, am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz.
  • Zunächst hatte er die Frage eines Reportes ins ironische Gegenteil verkehrt und von Menschen im Westen gesprochen, die sich eventuell eine Mauer wünschten, das war schon eine Art Anspielung auf den “antifaschistischen Schutzwall”, wie die Mauer später von den Oberen der DDR genannt wurde.

3. Wie viele Menschen starben bei Fluchtversuchen an der Berliner Mauer?

  • Nicht ganz überraschend gibt es hier keine klare Antwort, weil es auf die Definition ankommt und man zwischen der Berliner Mauer und der Mauer im Ganzen abgrenzen muss.
  • Die niedrigste Zahl liegt bei 136 Menschen, welche direkt bei Fluchtversuchen im Bereich der Berliner Mauer tödlich verletzt wurden: Nach den Zahlen des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) gab es mindestens 136 Maueropfer, darunter 98 DDR-Flüchtlinge, 30 Personen aus Ost und West, die ohne Fluchtabsicht verunglückten oder erschossen wurden, und 8 im Dienst getötete Grenzsoldaten. Andere Organisationen kommen mit weiter gefassten Begriffsdefinitionen auf wesentlich höhere Opferzahlen.

4. Wie kam der Checkpoint Charlie auf der Friedrichstraße zu seinem Namen?

  • Leider gibt es keinen persönlichen oder gar romantisierenden Hintergrund für die Namensvergabe – sondern einen sehr profanen. Der Checkpoint folgt in seiner Benennung einer Durchalphabetisierung nach NATO-Standard.
  • Alle drei der von den Amerikanern genutzten Kontrollpunkte sind nach dem sogenannten NATO- oder ICAO-Alphabet benannt – eine Buchstabiertafel, die das Buchstabieren schwer verständlicher Wörter erleichtern soll. So hieß der Grenzübergang bei Helmstedt “Alpha”, der in Dreilinden “Bravo” und der Checkpoint in Berlin wurde nach dem dritten Wort der Buchstabiertafel, “Charlie”, benannt.

5. Wie reagierte die Politik in Westdeutschland auf den Mauerbau?

  • Bundeskanzler Konrad Adenauer rief noch am selben Tag über Radio die Bevölkerung zur Ruhe und Besonnenheit auf und verwies auf nicht näher benannte Reaktionen, die gemeinsam mit den Alliierten folgen würden. Erst zwei Wochen nach dem Mauerbau besuchte er West-Berlin. Allein der regierende Bürgermeister Willy Brandt protestierte energisch, aber letztlich machtlos, gegen die Einmauerung West-Berlins und die endgültig scheinende Teilung der Stadt.
  • Es ist bekannt, dass Konrad Adenauer die deutsche Einheit längst zugunsten der Westintegration und der Aussöhnung mit den Ländern im Westen preisgegeben hatte und es lag vermutlich auch nicht im Interesse der westdeutschen Politik, dass jedes Jahr mehr als 100.000 DDR-Flüchtlinge in die westdeutsche Arbeitswelt integriert werden mussten – wenngleich sie langfristig den Wohlstand im Westen mehrten. Zudem war die Flüchtlingsproblematik ein Herd steter Unruhe, denn es war klar, dass der Osten irgendwann darauf würde reagieren müssen. So ist auch die Reaktion von John F. Kennedy (Antwort der nächsten Frage) zu verstehen.

6. Wie reagierten die Westalliierten auf den Mauerbau?

  • „Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg.“ (John F. Kennedy, US-Präsident)
  • „Die Ostdeutschen halten den Flüchtlingsstrom auf und verschanzen sich hinter einem noch dichteren Eisernen Vorhang. Daran ist an sich nichts Gesetzwidriges.“ (Harold MacMillan, Britischer Premierminister).
  • Der britische Premier sprach die Problematik also direkt an – der legalistische Teil der Aussage ist eine andere Sache, da der Bau einer Mauer zur Einsperrung der eigenen Bevölkerung selbstverständlich nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist und man das nationale Recht eines Nicht-Rechtsstaates wie der DDR nicht hernehmen kann, um eine Aktion aus der Sicht der ältesten Demokratie der Welt als “nicht gesetzwidrig” einzustufen. 

7. Wann und wo fiel John F. Kennedys berühmter Satz “Ich bin ein Berliner?”

  • Am 26. Juni 1963 während seines Berlin- und Deutschlandbesuches während in einer Rede vor dem damaligen Regierungssitz von West-Berlin, dem Schöneberger Rathaus.
  • Im Originaltext der Rede kam der Ausspruch zweimal vor:  Two thousand years ago the proudest boast was ‚Civis Romanus sum‘. Today, in the world of freedom, the proudest boast is ‚Ich bin ein Berliner‘.“ Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Bürger Roms‘. Heute, in der Welt der Freiheit, ist der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Berliner‘. / All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‚Ich bin ein Berliner‘!“ Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können ‚Ich bin ein Berliner‘!

8. Wie hoch war der “Zwangsumtausch” für Westdeutsche, die in die DDR einreisen wollten?

  • Als der Pflichtumtausch für Besucher der DDR pro Tag und Person im Jahr 1980 von 5 auf 25 DM verfünffacht wurde, schlug das im Westen hohe Wellen.
  • Letztlich wurde diese Art der Devisenbeschaffung seitens einer damals schon klammen DDR aber akzeptiert, auch, um die Politik der ständigen kleinen Verbesserungen und Reiseerleichterungen nicht zu gefährden.

9. Wo und wann standen sich Kampfpanzer der US-Armee und der Roten Armee in Berlin gegenüber?

  • Am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße, am 27. Oktober 1961.
  • Es waren insgesamt jeweils ca. 30 Fahrzeuge. Die militärische Bedeutung der Aktion war gering, aber die Symbolik von Bedeutung. Zum einen, weil dadurch noch einmal betont wurde, dass die USA zu ihren Verpflichtungen gegenüber dem freien Teil Berlins standen, zum anderen, weil durch diese Konfrontation betont wurde, dass die Sowjetunion für Ost-Berlin und seinen Schutz verantwortlich war – und nicht die DDR-Staatsregierung. West-Berlin unterstand ebenfalls dem Viermächte-Status und war nur eingeschränkt Teil der Bundesrepublik Deutschland.

10. Was bedeutete der Viermächte-Status für West-Berliner?

  • Die heute noch bekanntesten Fakten sind, dass in Westberlin wohnende männliche Personen nicht zum Wehrdienst in der Bundeswehr herangezogen wurden und dass die Berliner Bundestageabgeordneten nicht durch Bundestagswahlen bestimmt, sondern vom Berliner Abgeordnetenhaus in den Bundestag entsandt wurden. Dort hatten sie nur beratende Funktion und waren nicht stimmberechtigt.
  • Juristisch war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik Deutschland, sondern stand unter der Ägide des Viermächte-Status in seinen verschiedenen Variationen – bis zur Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990.

11. Wer verkündete wann die neuen Ausreiseregelungen der DDR und löste damit den Mauerfall aus?

  •  Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989.
  • Um 18:53 Uhr stellt der italienische Journalist Riccardo Ehrmann dem ZK-Mitglied Schabowski eine Frage zum Reisegesetz, nach einigen Sätzen und Nachfragen erfolgte um 18:57 Uhr die Präzisierung, dass die Regelung ab sofort gelte. Diese in Wirklichkeit verfrühte Bekanntgabe beruhte auf einem Missverständnis zwischen Schabowski und Egon Krenz.
  • Um 21:20 Uhr, nachdem sich bereits große Massen von DDR-Bürgern in Mauernähe versammelt hatten, wurden am Grenzübergang Bornholmer Straße die ersten Ausreisen in den Westen erlaubt. Nach einem ZDF-Bericht soll es aber bereits um 20:30 Uhr am Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee im Süden Berlins zu ersten Grenzübertritten gekommen sein. 

12. Wann kam das endgültige Ende der Mauer?

  • Der offizielle Abriss wurde am 13. Juni 1990 begonnen und Ende am 30. November 1990.
  • Einige Abschnitte sind bis heute als Mahnmale und Tourismusattraktionen in Berlin erhalten, verschiedene Museen, Institution und Privatpersonen haben sich weltweit Mauersegmente gesichert.

dWB/AP/11-08-13

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