Im Juli 2011 ist die (Kern-) Arbeitslosigkeit in Deutschland erstmalig nach mehreren Monaten wieder angestiegen, liegt aber immer noch knapp unter 3.000.000.
Im zweiten Teil des Julireports beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der Zahlen in den einzelnen deutschen Ländern:
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Deutlich sichtbar ist die nach wie vor große Spreizung der Arbeitslosenquoten in Deutschland. Wir haben die gegenwärtige gesamtdeutsche Quote von 7,0 % Kernarbeitslosigkeit unter allen Erwerbspersonen als Basis = 100 % genommen.
- Die Südländer Bayern und Baden-Württemberg liegen nach wie vor mit weitem Abstand besser als der Bundesdurchschnitt, mit ihren Arbeitslosenquoten von 3,5 % bzw. 3,9 % im Juli 2011, gefolgt von Rheinland-Pfalz und Hessen mit 5,3 % bzw. 5,8 %.
- Im Mittelfeld rangieren das Saarland im Südwesten sowie Niedersachsen und Schleswig-Holstein im Norden, die in etwa die gleichen Arbeitslosenquoten aufweisen wie Deutschland im Ganzen, zwischen 6,8 % und 7,2 %.
- Schlechter sieht es bereits in Hamburg und Nordrhein-Westfalen aus (8,0 bzw. 8,1 % Arbeitslosenquote im Juli 2011) – und in Thüringen. Trotzdem ist die Entwicklung des Wartburg- und Weimar-Landes in Südostdeutschland bemerkenswert. Es könnte das erste der Neuen Bundesländer sein, das in die Phalanx des “Alten Westens” eindringt; hier hat sich vor allem im Vergleich zu früheren Jahren viel Positives getan.
- Eine ganze Anzahl von Ländern liegt zwischen 147 % und 170 % der deutschen Durchschnittsarbeitslosigkeit, darunter alle Neuen Bundesländer außer Thüringen sowie der Stadtstaat Bremen, der nach unserer Ansicht strukturell nicht in der Lage sein wird, als eigenständiges Bundesland zu überleben. Hier wäre dringend eine Angliederung an Niedersachsen erforderlich, um die Lage zu verbessern.
- Gilt das auch für Berlin, das nach wie vor einsame Schlusslicht, das mit 13,5 % Arbeitslosenquote die deutsche Gesamtquote im Juli 2011 um unglaubliche 92 % toppt? Der einzig mögliche Partner wäre Brandenburg, das Berlin umgibt und mit 10,5 % Kernarbeitslosigkeit im Juli 2011 auch nicht entscheidend besser dasteht als die Hauptstadt. Die Berliner waren ja einmal dafür, die Brandenburger aber dagegen, als man per Volksabstimmung eine Zusammenlegung versucht hat.
Auch die Veränderung der Arbeitslosenquote im Juli in den deutschen Bundesländern gegenüber dem Vormonat zeigt ein differenziertes Bild.
- Die gesamtdeutsche Zunahme von 1,59 % wird deutlich unterschritten von Bayern und Sachsen, in diesen beiden Ländern hat sich die Arbeitslosigkeit mit 0,35 % bzw. 0,15 % gegenüber dem Vormonat kaum verändert.
- Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige deutsche Land, in dem die Arbeitslosigkeit sogar gegenüber dem Vormonat gesunken ist (um 1,33 %).
- Dass Deutschland insgesamt im Juli glimpflich davongekommen ist, rührt vor allem daher, dass das große Nordrhein-Westfalen mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von 1,15 % nur moderat zugelegt hat und sogar für Berlin gibt es mitten im desaströsen Gesamtbild eine kleine, frohe Botschaft: Der Zuwachs an Arbeitslosen fand zwar im Juli 2011 auf hohem Niveau statt (Arbeitslosenquote 13,5 %), liegt mit 1,30 % aber knapp unter dem deutschen Durchschnitt. Ebenfalls moderat ist die Arbeitslosigkeit in Thüringen (1,32 %) und Baden-Württemberg (1,67 %) gewachsen.
- Alle anderen Bundesländer weisen signifikante Steigerungen der Arbeitslosenquote zwischen 2,07 % (Brandenburg) und 3,66 % (Hamburg) auf.
- Sogar um mehr als 4 % ist die Arbeitslosigkeit im Juli in Rheinland-Pfalz emporgeschnellt, das damit eine deutliche Negativmarke setzt. So schnell ist seit 2010 noch in keinem Bundesland die Arbeitslosigkeit angestiegen.
Es versteht sich, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Juli 2011 auch saisonale Gründe hat. Aber die Abschwächung des Aufschwunges geht weiter, im Juli 2011 sank die Arbeitslosigkeit in Deutschland gegenüber dem Vorjahr nur noch um 245.000 Personen, das ist der niedrigste Wert seit März 2011, dem Beginn unserer Arbeitsmarktberichte.
Die wirtschaftlichen Unsicherheiten wachsen dieser Tage enorm und ohne kluge Arbeitsmarktpolitik werden die letzten grauen und blauen Balken in unseren Diagrammen wohl bald verschwinden. Was uns besonders betroffen macht ist die Tatsache, dass sich die Wähler in Berlin neuesten Umfragen und kurz vor der Senatswahl relativ wenig darum scheren, dass nicht nur die Sozialpolitik der letzten Jahre, sondern auch die Wirtschaftspolitik in der Hauptstadt nach Zahlen ein Misserfolg der besonders bitteren Sorte ist. Immerhin, ein moderater Wandel deutet sich an – von Rot-Rot zu Rot-Grün (SPD 31 %, GRÜNE 22 %, nach neuesten Umfragen).
Es ist sicher kaum möglich, in Berlin Arbeitslosenquoten wie in den ländlichen und mittelstädtisch geprägten Zonen Südwestdeutschlands zu erreichen, aber Hamburg mit seinen ca. 8 % Arbeitslosigkeit sehen wir durchaus als realistische Vergleichsgröße an, wenn man bedenkt, was Berlin alles sein will: Touristenmagnet Nummer eins in Europa, Weltstadt, Hauptstadt mit einem Heer von Bundesbeamten und ausländischen Beschäftigten, Medienmetropole und kreative Frontcommunity im Land. Wenn bloß die Wirklichkeit etwas mehr mit den Ansprüchen einhergehen würde. Am 18. September darf der Wähler entscheiden, ob der Gap zwischen dem Rest des Landes und seiner Kapitale, zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken wenigstens nicht noch größer wird, mit einer möglicherweise etwas konzeptioneller orientierteren Wirtschaftspolitik. Von einer Schließung der Lücke träumen wir derzeit nicht.
Zumindest nicht in der Form, dass Berlin plötzlich anzieht und Boomtown wird. Wir hoffen aber auch nicht, dass sich der Abstand dadurch schließt, dass eine erneute Krise die exportorientierten Regionen in Deutschland so hart trifft, dass Berlin sozusagen von unten eingeholt wird. Da ist uns die traurige Schlusslichtposition allemal lieber.
In wenigen Tagen wird unser bereits traditioneller Deutschlandreport der Arbeitsmarktdaten im Juli 2011 für ganz Deutschland folgen – inklusive der Zahlen zur erweiterten Arbeitslosigkeit, zur Unterbeschäftigung und zu den Empfängern von Transferleistungen aus ALG II und Sozialgeld. Auch auf diesen Gebieten, wie sollte es anders sein, hält Berlin mit eiserner Konsequenz und preußischer Disziplin seinen Spitzenplatz gegenüber 15 Mitbewerbern.
dWB/AP/11-08-11



Stefan Fuehrnsinn
13. August 2011
Aber die Arbeitslosen scheinen sich auch zu vernetzen: Immerhin gibt es jetzt auch ein “Facebook für Jobsuchende” – nach dem Vorbild des spanischen parobook.es – jetzt auch für den deutschen Sprachraum: jobioo.com – find ich cool …
Stefan
Der Wahlberliner
13. August 2011
Hallo Stefan,
herzlichen Dank für den Hinweis! Die Plattform scheint noch ganz neu zu sein und hat offenbar ihr Zentrum, wenn man sich die Gruppen anschaut, bisher mehr in Österreich als in Deutschland – die Mitgliederzahl ist noch bescheiden (168 Aktive), aber das kann sich ja noch entwickeln!
Viele Grüße
dWB/Alexander Platz/11-08-13