I. Kurzkritik
Fritz Lang, der Mann, der mit “Metropolis” und “M – eine Stadt sucht einen Mörder” weltberühmt wurde, hat tatsächlich in seiner Karriere auch drei Western gedreht.
Der letzte davon ist “Rancho Notorious”. Dabei kam es zu einer Zusammenarbeit mit der noch berühmteren Marlene Dietrich, die es in der Zeit, als beide noch in Deutschland tätig waren, nie gegeben hatte.
Mit einem Satz: Der Film ist verblüffend. Nicht der beste Western, nicht der beste Film von Marlene Dietrich und garantiert nicht in einer Linie mit den größten von Fritzs Langs Werken, aber definitiv ein hochinteressanter Film. Am meisteen werden Cineasten, auf ihre Kosten kommen, die sich schnell an einige Besonderheiten gewöhnen können und auch die Langschen Merkmale in dem Film zu identifizieren in der Lage sind.
Wir hatten großen Spaß beim Anschauen dieses Westerns, auch wenn er sehr unamerikanisch wirkt und dank der Farben und der Dekors auch sehr künstlich.
II. Handlung, Besetzung, Stab
Die Verlobte von Cowboy Vern Haskell (Arthur Kennedy) wird von Unbekannten bei einem Raubüberfall auf den Laden, in dem sie arbeitet, ermordet. Er beiteiligt sich an einem vom Sheriff angeführten Suchtrupp, der die Mörder finden soll. Die Männer geben an der Grenze zum nächsten District die Verfolgung auf, nicht jedoch Vern. Durch einen Zufall kommt er auf die Spur der ehemaligen Bardame Cora, die mittlerweile eine kleine Farm nahe der mexikanischen Grenze leitet. Dort beherbergt sie gegen ein Entgelt bzw. einen Anteil an der Beute die gesuchten Männer.
Vern findet heraus, dass Coras einstiger Komplize Frenchy im Gefängnis sitzt, lässt sich unter einem Vorwand selbst verhaften und flieht mit Frenchy zu Coras Farm, wo er hofft, die Mörder seiner Verlobten zu finden. Als vermeintlicher Retter Frenchys flirtet er mit Cora, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Cora findet ihrerseits auch Gefallen an ihm und bittet Frenchy, ihn aus gefährlichen Vorhaben herauszuhalten, zumal sie die Vermutung hat, dass er kein gewöhnlicher Outlaw ist wie die anderen. Einer von ihnen erkennt aber Vern und überredet Frenchy, Vern in einen Überfall miteinzubinden, bei dem er Vern dann erschießen will. (Wie die Sache ausgeht, sei hier allen zuliebe, die den Film noch nicht gesehen haben, das aber noch tun wollen, der Spannung wegen nicht vorweggenommen.)
- Marlene Dietrich: Altar Keane
- Arthur Kennedy: Vern Haskell
- Mel Ferrer: Frenchy Fairmont
- Gloria Henry: Beth Forbes
- William Frawley: Baldy Gunder
- Lisa Ferraday: Maxine
- John Raven: Chuck-a-Luck Dealer
- Jack Elam: Mort Geary
- George Reeves: Wilson
- Frank Ferguson: Preacher
| Regie | Fritz Lang |
| Drehbuch | Daniel Taradash |
| Produktion | Howard Welsch |
| Musik | Emil Newman Ken Darby |
| Kamera | Hal Mohr |
| Schnitt | Otto Ludwig |
(Handlung, Besetzung, Stab: WIKIPEDIA -wir haben die Handlung oben nicht ergänzt, doch in der folgenden Rezension werden wir den Film aber doch auflösen, da sind wir, wie üblich, ungnädig).
III. Rezension
1. Premierenfieber
Es ist ja doch so, dass wir die meisten US-Klassiker aus den fünfziger Jahren schon gesehen haben und daher die Rezensionsbesichtigungen keine Premieren mehr sind. Das gilt nicht für “Die Gejagten”. Dank eines Western-Doublefeature, das wir gestern Nacht aufgezeichnet und an diesem verregneten Berliner Sonntag angeschaut haben, konnten wir etwas für die Vervollständigung unser Kenntnisse über die Werke von Fritz Lang und Marlene Dietrich tun.
2. Chuck-A-Luck
So sollte der Film ursprünglich heißen, das ist ein Glücksrad-Spiel, das im Film eine große Rolle spielt, aber ihn nicht so dominiert, wie man anhand des beinahe vergebenen Namens – oder anhand des Titelsongs meinen sollte. Hier wird eine ganz ungewöhnliche Technik angewendet – nämlich eine Narratorenstimme eingesetzt, die nicht erzählt, sondern singt.
Wir dachten bisher, Frankie Laines weltberühmtes “Do not forsake me” aus “High Noon”, ebenfalls 1952, sei der erste Film mit Titellied gewesen, das im Vorspann beginnt – vielleicht war er’s auch, vielleicht war’s zeitlich und der eine hat den anderen nicht beeinflusst. Aber dass das Lied im Verlauf weitere Strophen hat und immer wieder in Szenen ohne Dialog eingreift, hat sich nicht durchgesetzt und wird von vielen Kritikern als Mangel des Films empfunden. Über die Qualität von Text und Musik kann man geteilter Meinung sein, aber zur Einstimmung auf die Rezension haben wir ein schön geschnittenes Videoeingestellt, das alle Strophen des Liedes vom “Chuck-A-Luck” beinhaltet, das den Film schon halb erzählt und außerdem viel von seiner Atmosphäre wiedergibt.
http://www.youtube.com/watch?v=9YXnMX5ADjs&feature=related
3. Fritz Lang hat nie einen schlechten Film gemacht
Also ist auch “Rancho Notorious” keiner. Er kommt selbstredend nicht an seine Meisterwerke der Stummfilm- und frühen Tonfilmzeit heran. Die Adaption des uramerikanischen Genres Western wirkt durchaus charmant, aber man merkt, dass es nicht Fritz Langs Genre ist. Man muss ihm attestieren, dass er aus der Sache gut herauskommt, indem er Elemente seiner anderen Filme mit einiger Überzeugunskraft in dieses Genre überträgt.
Die Zusammenrottung von Banditen an einem geheimen Platz ist ein typisches Lang-Motiv, und dass er diesen Typen in ganz kurzen Szenen recht individuelle Charakterzüge verleihen kann, zeigt etwas von seiner generellen Meisterschaft als Regisseur – obwohl Lang eher von der visuellen und auch visionären Seite des Kinos kommt, hat er hier das Beste aus seinen Schauspielern herausgeholt.
4. Marlene in einer Paraderolle
Marlene Dietrich gehört nicht zu unseren Vorzugsschauspielerinnen, ihr kühles, hohlwangiges Gesicht ist nicht die Projektionsfläche, auf der sich unsere Träume abbilden lassen, das macht es nicht so einfach, ihre Filme richtig zu bewerten. Ob man Schauspieler mag oder nicht, ist keiner objektiven Messlatte zugänglich. Auf uns wirkt sie immer ein wenig unwirklich – selbst in ihren späten Filmen als “Zeugin der Anklage” (1957) oder als preußische Generalswitwe in “Urteil in Nürnberg” (1961), als sie nicht mehr Hollywoodgöttin, sondern nur noch Schauspielerin – und Sängerin – war.
Ihre Vorstellung als Barsängerin, die sich mit einer Ranch, die als Banditenversteck dient, selbstständig gemacht hat, steht ihr aber sehr gut. Das ist eine ähnliche Rolle wie die in “Destry Rides Again” (1939), ergänzt um Technicolor und den Aspekt des Alterns, der hier sogar thematisiert wird – abzüglich jenen Humors, der in “Destry Rides Again” für Bewegung und Entertainment sorgt.
Dass die Dietrich ein wenig artifiziell wirkt und sogar ihre blauen Augen hier bräunlich scheinen, passt gut zur künstlerischen Gestaltung von “Rancho Notorious”.
5. Wer will, kann die Farben an seinem Gerät anders einstellen

Diese Gestaltung ist in mehrfacher Hinsicht gewöhnungsbedürftig. Zum einen haben wir bisher selten einen so bräunlichrot gefärbten Technicolor-Film gesehen (das Bild links zeigt diese Tönung sehr gut), zum anderen sind die Indoor-Sets sehr spartanisch und die Außendekorationen von kaum zu überbietender Künstlichkeit. Wäre der Film nicht bei Howard Hughes’ RKO gedreht worden, sondern beim MGM, hätte man sich diese Bauntönung des Ganzen vermutlich verbeten und auch die Dekors etwas teurer wirken lassen.
Aber was sich hier an Farben für künstliche Himmeslformationen bietet, ist – ja, expressionistisch, und zwar an mehreren Stellen des Films. Das zweite Bild links zeigt eine solche Wolkenformation, davor die Silhouette des Rächers Vernon Haskell.
So hat man den Eindruck, das Meiste vom Budget ging für die Gage der Dietrich und für den Regisseur Lang drauf und der Rest war zusammen nicht teurer als diese beiden Posten. Aber nach etwa zwanzig Minuten hatten sich unsere Augen darauf eingestellt und wir fanden’s charmant, weil in jeder Minute klar ist, nichts an diesem Film ist real oder erhebt den Anspruch, der Realität nahe zu kommen.
Auffällig ist die räumliche Enge, die der Film aufweist und die zum Ende hin immer stärker wird. Hier werden keine kleinen Menschen in übermächtiger Landschaft gezeigt, wie etwa bei John Ford, hier wird ganz dicht an den Figuren agiert. Das ist beinahe ein Western-Kammerspiel, aber auch dieser Umstand trägt zur Künstlichkeit, die sich ständig mitteilt, ihren Anteil bei.
6. Ein Cast mit Macken
Dass der Film kein High-End-Produkt ist, merkt man auch an der Besetzung. Für einen männlichen Topstar an der Seite von Marlene Dietrich hat es nicht gereicht, und das ist ein wenig schade. Mel Ferrer, der den ehrenhaften Gangster Frenchy Fairmont spielt (welch ein Comic-Name!), halten wir für einen guten Schauspieler, aber er wirkt ein wenig gehemmt und wir fanden ihn in der farbenprächtigen MGM-Produktion “Scaramouche” aus demselben Jahr als französischen Marquis und Gegenspieler von Stewart Granger intensiver und überzeugender.
Arthur Kennedy als der Mann, der in dieser Story von “Hass, Mord und Gewalt” (so die Refrainzeile des Titelliedes), wirkt hingegen zu schwach als Protagonist. Als Co-Actor ist er sehr gut, etwa in “Bend of the River” (ebenfalls aus 1952), aber für einen leading man, der hier Romantik, Dynamik und große, bis zur Obsession gehende Rachesucht in sich vereinen muss, hat er zu wenig Variationsmöglichkeiten und bringt zu wenig Strahlkraft auf die Leinwand.
Dazu kommt ja noch, dass dieser einfache Cowboy, der sich in etwa 8 Jahren eine Farm zusammensparen will, mit einem Mal zu einem gigantischen Revolerheld und zu einem fintenreichen und versierten Jäger in eigener Sache mutiert. Das ist ein wenig zu viel, wäre vielleicht auch für einen Topstar nur schwer zu schultern. Doch wir sagen ja schon – den Realismusanspruch wollen wir nicht unterstellen, Abzüge gibt es trotzdem – und zwar dafür, dass wir die Chemie nicht sehen, die dazu führen könnte, dass die Dietrich sich in ihn verliebt.
7. Nie konventionell sein
Das war sicher ein Motto von Fritz Lang und aufgrund seiner großen Reputation hatte er sicher mehr künstlerische Freiheiten als ein typischer Studioregisseur, der vielleicht mit kleinen Stummfilmsketchen angefangen hat. Zwar hat auch Fritz Lang seit 1919 gefilmt, aber schon früh gehörten seine Werke zum Besten, was damals in Deutschland auf den Leinwänden flimmerte. Er hatte sicher einen ähnlichen Bonus des vorauseilenden Rufs wie Hitchcock, der einige Jahre später nach Hollywood ging (Lang 1933, Hitchcock 1939).
Aber es gibt einen Unterschied. Während sich Hitchcock in den USA weiter steigerte und dort seine berühmten Filme produzierte, gelang es Fritz Lang nur hin und wieder, noch einmal an die ganz großen, frühen Werke anzuknüpfen. Aber seine Filme sind nie konventionell und faszinieren, das gilt auch für “Rancho Notorious”.
Schon der Plot ist ungewöhnlich. Die Ranch als Hideout für flüchtige Banditen, die Rancherin, die sich von ihnen Prozente abtreten lässt, dafür, dass sie die Leute unterbringt und notfalls auch außerhalb der Ranch sichere Verstecke für sie hat, falls es mal eine Razzia gibt, das ist echt Fritz Lang und die Konspiration, die den zweiten Teil des Films dominiert und die eine dichte Atmosphäre schafft, die erinnert an Szenarien aus “Spione” (1928), aus “Dr. Mabuse” (1921, 1933) und aus “M” (1931). Lang ist ein Meister darin, ungewöhnliche Ansammlungen seltsamer, verworfener Typen zu kreieren. Wer weiß, welche Chiffre dahintersteckt, angesichts der Tatsache, dass er in Deutschland Figurentableaus geschaffen hat, die so bedrohlich wirkten, weil das ganze Land davon bedroht war, unter die Räuber zu fallen. So echt und authentisch.
In den USA der frühen 50er gibt es aber durchaus etwas Ähnliches. Nämlich die Ausschüsse zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe, die in Hollywood für die Ächtung vieler als links geltender Regisseure, Autoren, Schauspieler verantwortlich war. Die frühen 50er waren im Filmbusiness keine ruhige, sonnige Zeit nach dem Sieg der besseren Welt im Jahr 1945, wie man meinen könnte. Wir fragten uns anfangs, was die Gefängniszene mit den korrupten Politikern sollte und diesem möglichen Lynchszenario – ein Motiv, das aus einem der besten US-Filme von Fritz Lang bekannt ist – aus “Fury” von 1936.
Wir wagen es, dieses Plotelement interpretierend zu lesen – nämlich, dass hier einige Heuchler gezeigt werden sollen, die wegen irgendwelcher kleinen Korruptionen eingesperrt wurden, aber die Exekutive macht mit ihnen gemeinsame Sache und lässt ihnen, in eine Whiskyflasche gesteckt, einen Dietrich zukommen. Draußen läuft derweil eine Wahl ab, deren Ausgang darüber entscheiden wird, ob alle, die gerade einsitzen, gelyncht werden. Um es nicht zu spannend zu machen: Die Law-and-Order-Partei gewinnt und alle Gefängnisinsassen können froh sein, dass sie dank des Dietrichs inzwischen allesamt entfliehen konnten. Alle meint: Auch Vernon Haskell, der sich hat einsperren lassen, um an Frenchy heranzukommen, der Spur, die ihn zu Cora Keane (Marlene Dietrich) führen soll. Dieser Part, in dem die Gefährlichkeit des nicht zur Differenzierung fähigen Mobs gezeigt wird, dominiert nicht den Film, ist aber ein Thema von Fritz Lang.
Interessant sind nicht nur einige schnell und hart gefilmte Szene, etwa die Schlägerei zwischen Vernon und dem endlich gefundenen Mörder, da hat die Kamera Mühe mitzukommen, die Unschärfe wirkt beinahe modern videomäßig – auch der Showdown als solcher wird ungewöhnlich variiert. Am Ende reiten zwei Männer zusammen weg, die beinahe zu Rivalen geworden wären und die nichts gemein hatten, wenige Tage zuvor. Es kommt nicht zum Duell zwischen den beiden vermutlich besten Schützen des Westens, nachdem die Frau, über die sich die beiden hätten streiten können, Cora Keane, in einem Schusswechsel getötet wurde.
Wenn man will, ist der Film auch einer der ersten Western, in denen starke Frauenfiguren auftreten, wie sie der Film noir der 40er Jahre entwickelt hat, wie sie im amerikanischen Kino aber auch in den 20ern schon zu sehen waren, selbst in der Zeit der großen Depression. Ähnliche Figuren haben dann Joan Crawford (in “Johnny Guitar”, 1954) und Barbara Stanwyck gespielt. Allerdings wäre ein Good Girl am Ende nicht erschossen worden. Man muss die Dinge immer zu Ende denken, um die Mentalität einer Zeit richtig zu verstehen – und 1952 war nicht gerade die Blüte des Feminismus in den USA. Faszinierende Frauen, die aus der Norm heraustraten und in eine Männerwelt hinein, mussten meist dafür bezahlen. Wenn auch nicht immer mit dem Tod.
8. Ein Hauch von Expressionismus
Lang hat seine Wurzeln in der Zeit des deutschen Expressionismus nie verleugnet, in vielen seiner Filme finden sich kleine oder größere Anklänge. In “Rancho Notorious” ist es zum Beispiel die Szene, als die Kamera vom Hals der toten Verlobten von Vern Haskel herunterfährt, ganz langsam, bis zu den blutigen Fingern – dem Symbol dafür, dass sie sich gewehrt hat, dass sie vergewaltigt wurde, bevor sie sterben musste. Diese lange Fahrt an ihrem Arm hinab ist purer Stummfilm. Sie ist aber mehr als das. Sie wirkt im Tonfilm noch spannender, weil sie nicht mehr ein typisches Stilmittel ist, sondern einer von vielen Effekten, die mittlerweile nutzbar waren.
Es gibt eine Spiegelszene, ebenfalls ein typische Lang-Motiv für Momente, in denen vor allem das Gute und das Böse, die eine, die andere Seite des Lebens einander gegenübertreten – und die rasche Fahrt der Kamera über die Gesichter der Bandenmitglieder im Haus von Cora Keane. Von Gesicht zu Gesicht, von Einstellung zu Einstellung, beschleunigt sich der Schnitt – und bremst dann ab. Die Kamera ruht auf Vernon Haskell, der alle diese verdächtigen Personen sozusagen in Echtzeit angeblickt hat.
Die Rückblendentechnik, die Lang anwendet, um das Leben von Cora Keane (im Original: Altar Keane) zu beleuchten, ist hingegen nicht expressionistisch, sondern einfach klasse. Vern begibt sich auf Spurensuche, und die Spur führt zu Cora. Auf jeder seiner Stationen zu ihr erzählen Männer aus ihrem Leben, man spürt, sie ist eine Legende. Es wird viel gelacht und der Film nimmt sich alle Zeit, ihren Charakter zu erläutern und wie er sich – nicht gewandelt, sondern geradlinig entwickelt hat von einer jungen Bardame, die ein verrücktes Hürdenspiel mit Frauen als Reiterinnen und Männern als Pferden in einem Saloon aufführt (die herrliche Sequenz haben wir im Anschluss an diesen Absatz als Video eingespielt) zur Szene, in der sie an das Geld für die Ranch kommt und Frenchy kennenlernt.
http://www.youtube.com/watch?v=Gf-3jAvbLsc
9. Große Erzählkunst auf kleinem Raum
Der Plot mag nicht realistisch sein, aber er ist hervorragend erzählt. Da gibt es keine Lücken, die Rückblenden verstärken die Spannung der Jagd nach dem Mörder, die Aktion ist schnell, präzise und schnörkellos ausgeführt.
Die Handlungslogik ist nicht immer zwingend, aber das ist bei den meisten Western nicht der Fall, in denen Stereotypen, Werte, Mythen anstatt realer Lebensumfelder mit durchschnittlich begabten, weder guten noch schlechten Menschen gezeigt werden. Auch das ein typisches Zeichen für Fritz Lang – dass er großartig erzählen kann und in der Lage ist, makellose Plots auszuführen. Dazu sind selbstverständlich auch adäquate Drehbücher notwendig, aber Lang wird gewiss die Drehbücher nicht einfach umgesetzt, sondern auch ihre Fehler gesehen und beseitigt haben.
Diese Fähigkeit, die er zweifelsohne besaß, rührt aus seiner frühen Zeit, in der seine Frau Thea von Harbou die Bücher für alle seine Filme schrieb. Die beiden waren eines der besten Autor-Regisseur-Teams der Filmgeschichte, entwickelten die Stoffe gemeinsam und setzten sie um – von Harbous Einfluss auf Fritz Langs Werk war noch um einiges größer als der von Alma Hitchcock auf das ihres Mannes, der bekanntermaßen erheblichen Umfang hatte.
IV. Fazit
“Rancho Notorious” ist ein Muss für alle, die sich mit Fritz Lang und seinem Werk beschäftigen und Fans von Marlene Dietrich sind. Eine von beiden Eigenschaften reicht ebenfalls aus, um ihn sich anzusehen. Wer es nicht schafft, von den heutigen Sehgewohnheiten ein wenig Abstand zu nehmen, für den können die nur 85 Minuten allerdings quälend sein, auf denjenigen wird der Film besonders antiquiert wirken. Für uns steht er in etwa auf einer Stufe mit den Filmen von Anthony Mann mit James Stewart, die wir bisher rezensiert haben (“Nackte Gewalt” und “Meuterei am Schlangenfluss”), die ebenfalls aus dieser Zeit stammen, aber in denen ganz andere Akzente gesetzt werden und die deutlich amerikanischer wirken als “Rancho Notorious” mit seinen Langschen Stil-Spezialitäten, die recht europpäisch und speziell deutsch wirken.
Wir geben 7,4/10 für einen guten Film, in dem es viel zu entdecken gibt, für einen unkonventionellen und äußerst stimmungsvollen Western eines Nicht-Western-Regisseurs.
dWB/AP/11-07-31
August 12th, 2011 → 16:42
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