ARD, 10.06.2011 / ES 25.01.2009
I. Kurzkritik
Von allen Tatorten, die wir bisher zu rezensieren hatten, ist “Rabenherz” derjenige, der bei den Fans am schlechtesten bewertet ist. Das hat Konsequenzen für unsere Sicht auf die Dinge. Wir werden noch etwas analytischer herangehen als sonst, auch wenn die Mystik, die es hier zu bestaunen gibt, genau dies beinahe unmöglich zu machen scheint.
Im Grunde meint man ja eher: Man mag so etwas oder nicht. Man glaubt es oder nicht, dass es eine Figur wie die Schwester Maria gibt, die hier mit allen Insignien einer okkulten Figur ausgestattet wird.
Ein interessantes Experiment, und, um es vorwegzunehmen – wir bewerten “Rabenherz” nicht so schlecht, weil wir Vieles an dem Krimi reizvoll finden. Auch wenn hier Realismus kein Thema ist. Das ist er aber, auf andere Weise, in vielen anderen Tatorten auch nicht.
Hier hat man sich ganz offen gegen den Realismus entschieden, ihn also gar nicht erst suggerieren wollen, wie in diesen seltsamen, oft hoch bewerteten Folgen, in denen die Ermittler Beweisstücke verschwinden lassen etc., um ihre eigene Sicht der Gerechtigkeit faktisch werden zu lassen. “Rabenherz” ist wenigstens ein ehrliches Experiment, keine verkappte Räuberpistole mit unmöglichen Ermittlerfiguren.
Dass vermutlich im bodenständigen Rheinland, auch wenn es katholisch ist und der Glaube bei Schwester Maria eine wichtige Rolle spielt, die Folge 719 wohl mit Verwunderung aufgenommen wurde, lässt sich gut vorstellen. Die Art von Humor, die hier gezeigt wird und die selbst das Drama durchzieht, ist nicht besonders kölsch, sondern sehr hintergründig. Hätte gut nach Münster gepasst, wo Maria auch herkommt. Diesen Satz werden wir noch gesondert bewerten.
III. Handlung, Besetzung, Stab
Ein Mord ohne Motiv? Für die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk unvorstellbar. Und doch erscheint der Mord an dem 48-jährigen Oberarzt Hermann Johns gänzlich unbegründet. Der renommierte Mediziner, der auf der Geburtsstation einer Kölner Klinik tätig war, scheint bei Patienten und Krankenhauspersonal gleichermaßen beliebt gewesen zu sein. Hat der Mord etwas mit den mysteriösen Todesfällen zu tun, die vor einigen Wochen in der Geburtstation des Krankenhauses für Schlagzeilen gesorgt haben? Könnte einer der Hinterbliebenen sich rächen wollen?
Offensichtlich wurde John mit einem Betäubungsmittel aus dem Klinikbestand vergiftet. Das macht nahezu alle Mitarbeiter, die Zugang zu dem Medikamentenschrank hatten, verdächtig. Ballauf, der eine natürliche Abneigung gegen Krankenhäuser besitzt, zieht sich für die umfangreichen Verhöre des Klinikpersonals ins Präsidium zurück. Als sich Schenk hingegen als Pfleger in die Klinik einquartiert, erkennt er schnell, dass in dieser abgeschotteten kleinen Welt wundersame Dinge vorgehen. Ein Mikrokosmos, der seinen eigenen Gesetzen zu folgen scheint.
Zwischen Putzdienst und Essensausgabe kommt er in engen Kontakt mit Patienten und Klinikpersonal und ihren ganz unterschiedlichen Schicksalen. Aber für Mitgefühl und Trauer gibt es scheinbar keinen Platz. Gut und Böse, das wird in diesem Fall des Kölner Ermittlerduos nur allzu deutlich, liegen mitunter nah beieinander.
Playlist
The hurdy gurdy man – Donovan
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Besetzung |
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Rolle |
Darsteller |
| Max Ballauf | Klaus J. Behrendt |
| Freddy Schenk | Dietmar Bär |
| Franziska Lüttgenjohann | Tessa Mittelstaedt |
| Dr. Joseph Roth | Joe Bausch |
| Staatsanwalt von Prinz | Christian Tasche |
| Maria Everbeck | Anna Maria Mühe |
| August Neumann | Matthias Matschke |
| Monika Scharrer | Petra Kleinert |
| Karin Steffens | Ulrike C. Tscharre |
| Andreas Tschichold | Peter Wolf |
| Akmut Dolschik | Omar El-Saeidi |
| Hermann Johns | Benno Ifland |
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Stabliste |
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Aufgabe |
Name |
| Regie: | Torsten C. Fischer |
| Buch: | Markus Bus |
| Kamera: | Martin Kukulla |
| Musik: | Fabian Römer |
(Handlung, Playlist, Besetzung, Stab: DAS ERSTE)
III. Rezension
1. Maria aus Münster
Die Figur der Schwester Maria, großartig gespielt von Anna Maria Mühe, ist der Aufhänger der Geschichte. Wenn man sie nicht mag, dann fällt der Film ohnehin. Sie zu mögen, heißt aber nicht, dass man ihre Heilungskräfte als real ansehen muss. Denn in Wirklichkeit bleibt bis zum Schluss offen, ob es diese tatsächlich gibt. Natürlich, der Krebspatient, dem sie die Hand auflegt, erfährt tatsächlich eine Genesung.
Aber ist es eine mystische Heilung oder das, was es immer wieder gibt – die plötzliche Verbesserung von Zuständen. Oder ist es gar die Zuwendung durch Maria, die den Mann so stärkt? Ist also die Zeit, die sie sich für die Patienten nimmt, weshalb sie immer aneckt, eine versteckte Kritik am modernen, durchorganisierten Krankenhausbetrieb, in dem Patienten nur Nummern sein können, weil das Personal sich nicht aufs Menschliche einlassen kann? Symbolisiert sie Hilfsbereitschaft und dass man daran zugrunde geht, weil man sich nicht abschotten kann, wie es in der heutigen Krankenhausmaschinerie zum eigenen Überleben notwendig ist?
Die Kritik an diesem Teilaspekt des deutschen Gesundheitssystems, seiner Verwirtschaftlichung, ist jedenfalls offenkundig und sie ist allemal berechtigt.
Dass Maria aus Münster kommt, fanden wir witzig, nicht nur, weil Freddy Schenk in Anspielung auf die beliebten Kollegen Thiel und Boerne sagen kann: “Dafür bin ich nicht zuständig”. Wir glauben, diese Herkunft weist noch auf etwas anderes hin. Die Münster-Tatorte sind ja bekannt dafür, dass Figuren nicht realistisch sein müssen, dass es Seltsamkeiten aller Art gibt. Es ist also durchaus eine ironische Brechung, dass man sich wohl gesagt hat, ein solches Experiment wie mit der Figur Maria wird vielleicht nicht gut ankommenn, weil es eben nicht zum Kölner Ermittlungsumfeld und zur ganzen Atmosphäre der Kölner Krimis passt. Ein Einbruch des Fremden.
Leider haben das auch die meisten Tatort-Fans so empfunden und nicht honoriert, dass in dieser Figur und ihrer Interaktion mit anderen, auch mit Freddy Schenk, ein ganz besonderer Humor steckt. Die Übertreibung ist den Machern ja sicher nicht entgangen, und dass sie so in die Vollen gelangt haben, ist an einer Stelle klar als hintergründiger Humor erkennbar. Als, nachdem Maria schon überführt ist, Schenk in das leere Krankenzimmer des Krebspatienten sieht und sich denkt: aha, alles im Lot, der Mann ist gestorben.
Der Tod also als Beweis dafür, dass die Dinge ihre Richtigkeit haben. Dann aber erzählt ihm die Oberschwester, das Bett ist leer, weil sich sein Zustand eklatant verbessert hat. Und als Freddy ihn dann im Park sieht, dieses Augenrollen. Das kann nur Dietmar Bär und das hat man schön inszeniert. Beinahe ein süßer Schauder wie bei den alten Edgar-Wallace-Filmen, nicht etwa bei jenen vor allem US-amerikanischen Produktionen, die das Paranormale programmatisch behandeln. Wir fanden das klasse. Auch, weil es eine heitere Note ins ganze System bringt. Es gibt auch für keine gesellschaftliche Gruppe einen Grund, sich möglicherweise hochgenommen zu fühlen.
Eine Figur wie Maria greift in Wirklichkeit niemanden an, weder Gläubige noch Ungläubige, weder Menschen, die ans Übernatürliche glauben noch die eher Nüchternen. Weil sie erkennbar zu sehr freischwebend gezeichnet ist, an einer Stelle auch im wörtlichen Sinn. Damit macht ausgerechnet der Tatort Köln, der sonst eher vordergründig daherkommt, eine Tür zu einer neuen Dimension auf und das ist auch wieder eine Ironie in sich. Wir können auch anders, sollte wohl die Botschaft sein. Und wir entspannen uns mal von der ganzen schweren Kost der Sozialdramen bei einem großen Gläschen vom Geist der Mystik.
Dass Maria hingegen sehr tief in die Mordgeschichte verwickelt ist, das erkennt man gleich, als sie erstmalig auftritt. Man kann noch nicht sicher sein, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie hier lebensverkürzend tätig wurde. Am Ende die Begründung von ihr, als sie gefragt wird, wie sie die vielen Zufälle sieht, die es zwischen ihrer Kaffeevergiftung und dem richtigen Adressaten geben kann: Man kann sowieso nur auf Gott vertrauen und dessen Wege sind nun einmal unergründlich. Herrlich. Da braucht es keine Plotlogik mehr, wenn die Täterin so erkennbar irrational veranlagt ist. Und natürlich steckt auch darin ein großes Augenzwinkern.
Das Publikum selbst muss entscheiden, ob es dieses Spiel der Macher mag. Und gerade an diesem Film sieht man wieder, dass die Deutschen vielfach noch nicht bei wirklich feinem Humor angekommen sind. Die meisten fanden den Film nämlich schlecht, und das ist er nicht. Auf seine Weise ist er einer der konsequentesten Tatorte, die wir bisher gesehen haben.
2. Mehr Schenk, weniger Ballauf
Wir analysieren zunächst einen Aspekt, von dem in der Community vielfach behauptet wird, er sei Quatsch. Nämlich, dass Schenk im Krankenhaus als Pfleger arbeitet. Der Spruch: “Stellen Sie sich vor, das Krankenhaus wäre ein Dorf – wäre Neumann dann eher Arzt oder Priester?” (Antwort: Priester – wer hätte das gedacht), ist Mumpitz. Denn ein Krankenhaus ist nun einmal voller wirklicher Ärzte und ein Psychologe hat nun einmal auch außerhalb eines Dorfes namens Krankenhaus eine priesterähnliche Funktion für seine Patienten.
Dennoch ist die Idee, dass Schenk ins Krankenhaus einzieht, alles andere als überflüssig. Es geht erkennbar nicht darum, verdeckt zu ermitteln, sondern um eine Einfühlung in diese geschlossene Welt. Schenk macht richtige Grundsatzarbeit, Ermittlung durch Mitmachen, sozusagen. Nur so kann er die relevanten Leute kennenlernen, kommt dahinter, was Dienstpläne für eine Bedeutung haben und welche Abweichungen es da gib, nur so kann er den Psychologen Neumann und die Schwester Maria beobachten – und so weiter. Ob man das so machen muss, ist eine andere Frage, aber es ist einleuchtend. Er zieht eben von einer größeren Welt in das Krankenhausdorf um. Nichts anderes, als wenn z. B. die Berliner Ermittler Ritter und Stark in einem Dorf in Neubrandenburg logieren, weil sowieso klar ist, dass die Lösung des Falles nur dort liegen kann.
Diese Verortung von Schenk ist also logisch. Dass Ballauf nicht mit dabei ist, ist zwar medizinisch unlogisch, weil es für seinen Magen besser wäre, dort zu sein, aber er mag nun einmal keine Krankenhäuser. Punkt. Nebenbei: Wer mag sich schon gerne als Patient in einem Krankenhaus aufhalten? Insofern ist diese Aversion auch ein wenig platt. Aber wir verstehen, bei ihm geht es darüber hinaus, es ist richtig körperlich und verschärft vielleicht seine Magenschmerzen – die man ihm übrigens abnimmt, Klaus J. Behrendt sieht richtig grau und mitgenommen aus. Man hofft unwillkürlich, dass der Schauspieler nicht wirklich Schmerzen hatte, und tröstet sich damit, dass wohl alles Maske war).
“Rabenherz” ist in erster Linie also ein Schwester-Maria-Tatort, in zweiter Linie ein Schenk-Tatort. Er ist dieses Mal klar die stärkere Ermittlerfigur und am Ende löst er ja auch den Fall. Wenn auch eher wieder durch Eintreffen am nächsten Tatort als durch konsequente Ermittlung. Immerhin. Einen weiteren mysteriösen Mord im Krankenhaus wird es nicht geben, nachdem Schwester Maria aus dem Verkehr gezogen werden wird. Vielleicht kann sie im Gefängnis weiterwirken, wie einst der unvergessliche Riese Michael Clarke Duncan alias John Coffey in der Stephen-King-Verfilmung “The Green Mile“.
3. Die Handlungslogik
Dadurch, dass der Tatort 719 eine unrealistische Täter- und Halbheldinnen-Figur in den Mittelpunkt rückt, wirkt er insgesamt etwas schräg. Die Handlungslogik stimmt aber weitgehend. Dass am Ende der Psychologie Neumann stirbt, obwohl sich Schwester Maria das Leben nehmen will, dass der Arzt, der ihr ein Kind gemacht hat, das sie verliert bzw. abtreibt, sterben soll und aufgrund ihrer seltsamen Art mit Zufällen umzugehen, davonkommt. Dies alles ist irgendwie von der Motivlage und unter Berücksichtigung der Figuren, und wie sie ticken, okay. Die Sache mit den verschiedenen Giftbehältnissen am Ende ist nicht ganz einfach zu erklären, wir versuchen es aber.
Offenbar will Psychologe Neumann der Schwester helfen, weil diese ihm anvertraut hat, dass sie den Arzt Tschichold (Peter Wolf) doch noch umbringen will, um selbst überleben zu können. Neumann liebt die Schwester, und wenn so ein Psychologe erstmal Gefühle bekommt, dann gehen die ganz bedingungslos tief, das glauben wir wohl. Denn ein guter Psychologe muss ja auch ein Idealist sein und der Überhöhung fähig – Quatsch! Man darf auch uns nicht alles abnehmen, was wir hier schreiben, dazu ist der Tatort 719 zu verquer.
Aber irgendwie passt es zu der sehr, sehr ernsten und damit auch wieder leicht satirisch angelegten Figur von Neumann, dieser wandelnden Verkörperung eines Seelenverstehers, wie er sich auf das Spiel einlässt. Nun hat aber Maria selbst auch noch ein solches Fläschchen mit Gift gestohlen und dadurch gewinnt die Sache leider eine Eigendynamik. Der Orangensaft leuchtet beinahe im Raum wie einst das berüchtigte Glas Milch in Hitchcocks “Suspicion”, das Cary Grant zu seiner Frau ins Gemach trägt, die sich nicht sicher ist, ob er sie umbringen will oder nicht. Gift oder nicht? Überhöhter Moment, als Neumann den Saft trinkt? Aber ja.
Dass nicht eher jemand darauf kommt, dass der gerade auf Auslandstagung weilende Arzt Tschichon gemeint war, beim ersten Todesfall – naja. Die Ermittlungen sind halt langsam, sonst wäre ja nicht so viel Interessantes von Schwester Maria zu zeigen. Wer den Dienstplan aus dem Computer entfernt hat, den der IT-Manager wieder restauriert. War es Schwester Maria? Traut man ihr gar nicht zu, dass sie sowas kann. Der Psychologe Neumann hingegen wusste schon die Wahrheit, zu dem Zeitpunkt und hat diese Manipulation ausgeführt? Eher nein. Sonst kannt sich sowieso niemand aus. Und niemand hatte Maria im Verdacht. Auch das ein wenig over the top. Allerdings sind das eher Kleinigkeiten gegenüber dem, was in anderen Tatorten manchmal bei der Logik schief läuft – und zwar, ohne dass man angehalten wird, das etwas lockerer zu sehen, wie in „Rabenherz“.
IV. Fazit
Ein überragender Tatort ist “Rabenherz” nicht, wenn wir das so sehen würden, verstießen wir gegen die eigenen Grundsätze, dass ein guter Tatort auch ein guter Krimi sein sollte. Aber er ist als Sonderfall und wunderbare Halbsatire durchaus mit Qualitäten gesegnet, die manchem anderen Fall abgehen. Selbstironie, eine herrliche Hauptfigur, ein Thema, das sich der Ratio entzieht und genau so dargestellt wird, wie wir finden, dass man damit umgehen sollte: ohne offene Wertung, aber durch die ironischen Elemente im Film und in der Figur der Schwester Maria vergnüglich-dramatisch überzogen und damit wiederum Sympathie und Distanz beim Zuschauer gleichermaßen schaffend. Sie könnte gar keinen anderen Namen tragen, mit ihren Erscheinungen und möglicherweise wunderbaren Kräften. Man hätte aber das vordergründige Drama in ihrer Person auch nicht weglassen dürfen, sonst wäre alles denn doch zu klamaukhaft geworden.
Außerdem ist der Film formal teilweise sehr gelungen – genau passend zum Thema mit leicht übertriebenen Stilmitteln ausgestattet.
Wir werten weit oberhalb der gegenwärtigen Tendenz Fankollegen mit 7,5/10. “Rabenherz” hat es nicht verdient, bei den 10 % der schlechstesten bisherigen Tatorte angesiedelt zu sein.
dWB/AP/11-06-11
Mark
30. Juni 2011
Hallo,
danke für dein Feedback und die Rückmeldung.
.
Schön, dass es Leute gibt, die den Film zu schätzen wissen.
Ja, das ist richtig. Im Forum des Tatort-Fundus war ordentlich was los. Ich habe am Anfang (25.1.2009) da auch schon mitgeschrieben (Username: mark85) und dann bei der ersten Wiederholung (30.12.2010) habe ich richtig losgelegt, den Film zu analysieren. Leider hat sich dazu keiner mehr weiter geäußert. Anscheinend waren nach meinen Aufsätzen keine Fragen mehr offen
Nee, also mich berührt der Film so sehr und er hat mich richtig aufgewühlt, dass ich ihn immer wieder gucken und oft dabei weinen muss. Also ich hatte mal einen ähnlichen Leidensweg. Ich bin im Gymnasium mal sitzengeblieben und dann in der neuen Klasse nach einem halben Jahr total zum Außenseiter geworden (obwohl es die erste Zeit gut losging), ohne dass ein entscheidener Punkt dafür ausschlag gebend war. Jedenfalls war er für mich nicht erkennbar. Es passierte zwar nichts schlimmes (Drogen, Schläge etc.), aber das ständige Gefühl, nicht dazu zu gehören und die ständige Bloßstellung von den vier Leuten (die anderen waren mehr oder weniger neutral bzw. übersahen mich, wenn ich nicht selbst aktiv wurde) sind auf Dauer eigentlich schlimmer, als wenn man mal richtig eine rübergezogen bekommt. Ich habe dann auch oft geschwänzt und bin auch an so ähnliche Orte wie Maria gegangen, sprich draußen in die Natur (Wald) und habe gewartet bis es 12 oder 13 Uhr ist, um dann wieder nach Hause zu gehen, damit meine Eltern nichts mitbekommen. Maria sitzt ja auch oft alleine da und oft unter dem Baum da (auch um zu gucken ob Tschichold wieder zurück ist).
Es gab dann auch keinen Weg mehr zurück. Du kommst aus einer Situation nicht mehr raus (und wenn dann ganz nur schwer). Das ist wie bei den Drogen. Wenn sich eine Gruppe erstmal auf dich eingeschossen hat, kannst du da keinen Frieden mehr erzeugen. Und genauso kommt mir der Film vor. Es gibt keine Anzeichen dafür, warum Maria so Probleme hat und die Szenen sind auch sehr gespentisch gemacht, vor allem auch durch die melankolische Musikuntermalung (die Musik hätte auch von Tool stammen können).
Aber ich verstehe auch, warum der Fall bei vielen nicht ankommt. Um den Film zu verstehen, muss man sowas schonmal erlebt haben (so eine Isolation). Und viele wollen halt die klassischen Odenthal-Filme oder auch “Der Alte” sehen, wo ein Mord passiert und es dann 10 Leute gibt, die alle nen Grund haben, wen umzubringen. Also einen klassischen Krimi halt, wo man mitraten kann, wer war es oder wie finden es die Komissare raus. Das war hier beides hintergründig, aber trotzdem interessant gemacht.
Also wiegesagt Rabenherz ist kein offizielles Wort (habe das auch im Forum des Tatort Fundus ganz am Ende beschrieben), aber ist halt so ein Wortspiel und scheint soviel wie Pechvogel / Unglücksrabe zu bedeuten. Vielleicht kommt es auch aus dem englischen (Ravenheart), wobei ich da auch nichts genaues gefunden habe. Aber viele Leute nehmen diesen Titel/Namen an (auch in Foren), die doch eher irgendwo im Abseits oder am Abgrund stehen bzw. Probleme haben.
Der Film ist unmöglich auch beim ersten Mal zu verstehen (sowohl vom Umfang als auch im Deuten und Interpretation), vor allem auch wenn man es genau wissen will.
Wie du schon sagtest, dir ist die Szene entgangen. Sie dauert auch nur 10 Sekunden lang, hat aber enorme Bedeutung. Wenn man sich da was zum Trinken holt, kann man das schon nicht mehr anchvollziehen, während man in anderen Folgen verpasst hat, wie Max und Freddy aus einer unbedeutenden Haustür gehen. Von daher war das schon ein herausragender Film.
Bist du der Erfinder dieser Seite und was ist das genau für eine Seite.
Ich bin drauf gekommen, weil ich den Film erst gestern mit Schrecken aber auch Begeisterung wieder anschauen musste (mir kommt es vor, als würde ich inzwischen Maria kennen und wäre am Drehort schon oft gewesen) und dann einfach immer wieder im Internet recherchieren muss. Mit Begeisterung stellte ich fest, dass ein neuer und guter Beitrag in Google auftauchte. Und so kam ich hierher. Handelt es sich auch um eine Filmbewertungsseite ?
MFG
Markus
Der Wahlberliner
5. Juli 2011
Anmerkung:
In diesem Fall hatten wir noch einmal Rücksprache mit dem Absender genommen und nachgefragt, ob der Kommentar wirklich veröffentlicht werden soll, wegen der privaten Passagen, die er enthält. Er meinte aber, das sei okay – also haben wir ihn jetzt freigegeben!
dWB/AP/11-07-05
Mark
30. Juni 2011
Und noch ein wichtiger Punkt !
Am Anfang des Films (bei ca. 15 Minuten) erzählt Herr Liebermann zu Maria (bzw. winselt):
“Ich bin ein schlechter oder feiger Mensch
ich habe meine Frau betrogen
Ich wollte ihr immer sagen, dass es da noch eine andere gibt
Im Sommer wollte ich sie (die geleibte wahrscheinlich) verlassen, doch dann bekam sie plötzlich ein Kind.
aber ich war zu feige” (nicht genau zitiert)
Kurz drauf geht Maria in die Kirche und beichtet das für Herrn Liebermann.
Das Tatmotiv bzw. das was hinter allem steckt, wird also diekt am Anfang bereits geliefert und aufgelöst, blos in verdeckter Form. Herr Liebermann ist in dem Fall eine Anspielung auf Andreas Tschichold (Arzt und Exfreund von Maria) und Maria kommt diese Situation bekannt vor.
Andreas Tschichold ist verheiratet und hatte damals ein trotzdem ein Verhältnis mit Maria. Sie bekam ein Kind von ihm und überredete sie zur Abtreibung.
In dem Fall bewundert wahrscheinlich Maria selbst das Verhalten von Herr Liebermann, weil er seine Geliebte eben NICHT verlassen hat, wie ihr Exfreund Andreas Tschichold, was ja den entgültigen Untergang von Maria bewirkt hat.
Sie hat also alle Hoffnungen auf Tschichold gesetzt und sogar das Kind für ihn abgetrieben (trotz strengem katholischem Glaubens). Als Dank erfuhr sie von ihm eine Trennung, worauf sie nicht nur ihn, sondern auch “sich” und Gott verloren hat. Einen anschließenden Selbstmordversuch bekommst du auch nicht mehr aus den Kopf und wird seelisch dein ständiger Begleiter sein.
Also das ist wirklich interessant, wie überlegt und logisch alles aufgebaut ist und vor allem wie tragisch. Wäre Ihr Freund ein “Herr Liebermann” (in dem Namen steckt wortwörtlich “lieber Mann” drin) gewesen und kein “kaltherziger Teufel”, wäre Maria jetzt vielleicht glücklich und wär kein Rabenherz bzw. hätte ein Raben-/Hundeleben. Deswegen wird er vielleicht am Ende geheilt, in Bezug auf diese Anspielung. Maria hat sich besonders um ihn gekümmert, weil sie wahrscheinlich sein Verhalten in ihrem Fall bewundert hat (dass er seine Geliebte damals nicht einfach zurückgelassen hat).
Ein Wahnsinns-Epos dieser Film !
Einzig allein das Verhältnis zum Psychologen pastt nicht so ganz zu Maria und das Rauchen ist auch ein Dorn im Auge. Es zeigt zwar, dass sie von Stress und Qualen verfolgt ist, aber es wirkt zu dieser sehr sensiblen und braven Person “sehr bösartig und rebellisch”. Passt einfach nicht dazu. Denn sie trinkt keinen Alkohol (sie lehnt Freddys Angebot ab), sie legt einen Apfel in ihren Kühlschrank, sie trinkt Orangensaft, der Psychologe legt bei ihr bei ihrer “Trauerbeichte” zwei Kekse hin – also alles ganz, brav und bieder, fast noch kindlich.
Da passt das “schmutzige” Rauchen nicht zu Maria und auch ihr sehr ablehnendes Verhalten zu August Neumann passt nicht ganz, aber ist trotzdem ok.
Der Wahlberliner
30. Juni 2011
Hallo Mark,
herzlichen Dank für die vielen zusätzlichen Aspekte! Ich finde den Film z. B. im “Tatort-Fundus” viel zu niedrig bewertet, aber man muss sich eben auf all das einlassen können, was du schön beschreibst (und so wie du kann man es durchaus sehen). Der Tatort “Rabenherz” polarisiert, hat enorm viel Subtext, und es war in einer Rezension, die nicht vollkommen über die Ufer tritt, nicht möglich, alle Aspekte zu beleuchten. Im “Tatort-Forum” ist dieser Film einer der meistdiskutierten Tatorte und dort werden viele weitere Dinge beleuchtet, wie zum Beispiel die Entschlüsselung des Titels “Rabenherz”. Ein Sozialdrama und eine Seelenreise ist der Film auf jeden Fall und da hast du viele Einzelszenen klasse analysiert.
Viele Grüße
Alexander Platz
Mark
30. Juni 2011
Ich sehe den Film in seiner Bewertung ähnlich, nur dass ich ihn noch höher bewerte und nicht als Selbstironie bezeichnen würde. An dem Film ist nichts (!), aber auch überhaupt nichts witzig oder ironisch ! Wenn dann ist das ernst gemeinte Ironie. Die Macher des Films haben die Ironie auch dazu verwendet, dass eben nicht alles einen Sinn haben oder es immer ein glasklares Motiv geben muss (darum sind die Ermittlungen auch völlig im Hintergrund). Ein glasklares Motiv gab es zwar in seinem Ursprung (der Peiniger Tschiold), aber es hat eben den falschen getroffen und damit gibt es faktisch kein Motiv mehr.
Auch glaube ich, dass die Macher des Films diese Ironie dazu verwendet haben, um das todernste herunterzuspielen, falsch es “schief geht”, was die meisten so empfunden haben. Es ist aber meiner Meinung nach ein toternstes Sozialdrama anstatt eines ironischen Kammerspiels. Die Ironie ist meiner Meinung nach zentraler Aussagepunkt des Films (komme gleich dazu) und wurde auch deshalb wiegesagt eingebaut, um die Ernstigkeit des Films ein wenig herunterzuspielen. Das dient aber nicht dem Inhalt des Films, sondern scheint mir so eine Art Alibi zu sein, falls die Kritiken schlecht sind, man hinterher sagen kann, war eh nicht Ernst gemeint. Also praktisch so eine Art Hintertür.
Der Film ist aber toternst gemeint, alles ist realischtisch, logisch und vorstellbar und es gibt solche Personen wie Maria. Die Ironie besteht darin:
- der Arzt für Neugeborene (also der für “neues Leben verantwortlich ist”) stirbt
- auch ein so herzensguter, lieber, soziale und hilfsbereite Mensch wie Maria hat Abgründe und kann zum “Norman Bates” mutieren (bzw. töten); das scheint meiner Meinung nach auch eine Kritik an der Gesellschaft bzw. dem Umgang untereinander zu sein (wenn selbst solche Menschen durch andere zum Mörder werden, wer solls dann richten?)
- Maria tut mit Freddy endlich einen Freund (Gesprächspartner) im Krankenhaus bzw. in ihrer Umgebung kennenlernen (zumindest entnehme ich das dem Gespräch unter dem Baum bei 48 Minuten). Sie kann also hoffen, endlich bald nicht mehr allein zu sein. Nach dem dritten Satz erfährt sie aber, dass dieser nichts anderes vorhat, als den Mörder von Tschichold zu finden (wieder eine Niederlage !)
- es gibt zwar ursprünglich ein glasklares Mordmotiv, aber durch die Verwechslung bricht dieses in sich zusammen
- die Magenschmerzen von Max Ballauf
Der Film ist also durchzogen von vielen Gegensätzen (Ironie), die aber nicht amüsant ist, sondern das ganze Drama und die Abgründe auf Höchstniveau bringen.
Weitere Ironiepunkte, die aber toternst gemeint sind, sind jeweils die “Erlebnisse” von Max und Freddy, als sie jeweils alleine sind. Bei Max sind die Gänge und Büros alle leer, weil alle Fuußball gucken. Drum geht auch das Licht aus und ihm wird unheimlich. Dunkelheit und Einsamkeit rufen in vielen Angst hervor. Genau das gleiche bei freddy. Er ist im Leichenraum auf einmal allein und schon kann jeder kleine Jungenstreich Todesangst in einem hervorrufen. Sind wohl beides Anspielungen auf Marias Leben und Ihre Albträume (ehemalige Patienten verfolgen sie selbst in Wachträumen) bzw. ihr Gefühl insgesamt (immer allein und traurig).
Der Film ist neben einem knallharten Sozialdrama / Psychofilm für mich sogar ein höheres Werk mit poetischen/philosopischen Aussagen und wie ein Kultmärchen zu verstehen. Es ist eigentlich eine einfache Geschichte und es passiert garnicht mal so schlimme Dinge (in anderen Tatort-Filmen sieht man, wie jemand dem anderen den Kopf wegschießt etc.), trotzdem erzeugt der Film so eine unheimliche und bedrückende Atmosphäre, wie ich sie eigentlich nur aus Psycho, The Green Mile oder Silent Hill kenne. Die Filme beginnen erst völlig gewöhnlich und “brav”, entfalten dann aber Abgründe, die ihres gleichen suchen.
Vor allem lebt Rabenherz sowieso durch diese Atmosphäre, denn viele Bilder muss man interpretieren (und jede Szene hat auch einen Sinn), gesprochen wird in diesem Fall garnicht soviel. Trotzdem ist fast jeder Satz eine Kernaussage. Der Film ist also eher ein Kunstwerk anstatt eines Unterhaltungsfilm. Darum ist er wahrscheinlich auch durchgefallen bei vielen. Die Leute wollen unterhalten werden wie bei Big Brother. Ich habe auch im Forum des Tatort-Fundus darüber geschrieben. Man muss einen ähnlichen Tiefpunkt auch selbst mal erlebt haben, um den Film wirklich in seinem vollen Umfang zu verstehen bzw. sich darauf einlassen zu wollen. Ein weiterer Punkt wird sein, dass es sich hier nicht um einen Krimi handelt, sondern um ein Drama. Aber die Bremer Tatorte sind jedesmal knallharte Psychothriller (ok, das ist nicht weit vom Krimi entfernt) aber die beliebten Münsteraner Boerne und Thiel stellen auch kein Krimi dar, sondern sind eigentlich meiner Ansicht nach jedesmal höchstens eine Krimikomödie bzw. ein Familienfilm a la Forsthaus Falkenau. Und trotzdem kommen sie jedesmal gut davon. Hier müsste man schon Kritik ansetzen, dass die Charaktere garnicht zum Beruf passen, denn man muss dort wesentlich sachliche rund ernster sein. Aber genau das macht den Tatort aus. Er wendet das Blatt hin und her. Jedes Ermittlerteam hat seine eigenen Regeln und Merkmale, die innerhalb sogar auch mal überschritten werden. Trotzdem ist Rabenherz für mich kein sarkastisches oder ironisches Werk, sondern einer der erschütternsten Tatorte und sogar Filme aller Zeiten, die ich gesehen habe. Titanic ist von der Dramaturgie ein Witz (!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!) gegen diesen Film. Aber ich kann wie gesagt die Situation von Maria auch genau nachvollziehen und zwar alles (ihr Handeln, Ihre Gestik, Ihre Mimik, Ihre Aussprache, die Schauorte). Sie ist so verängstigt wie ein kleines Tier, dem man auf einer Hand futter hinhält. Wenn man lang genug wartet und geduldig ist, kommt das kleine Tier und isst. Aber mache keine hektische Bewegung, sonst erschreckt und flieht es sofort
Besonders in einer knallharten Welt voller Gefahren und “Dämonen”.
Mark
30. Juni 2011
was ich bei Gegensätzen (Ironie) noch vergessen habe und ganz wichtig ist:
Der Film hatte ursprünglich den beinamen “Das Mädchen mit den kalten Händen”. Den hat man aber weggelassen, weil sonst alles von vornerein klar wäre. Die Hände von Maria sind ja auch im Fim oft sichtbar und haben sogar eine besondere Bedeutung (Heilfunktion).
Kalte Hände hat man, wenn man friert bzw. im übertragenen Sinne, wenn man allein und einsam ist und keiner da ist, der sie einem wärmt. Die Hände von Maria sind also kalt, ja fast schon abgestorben. Das merkt ja auch Freddy sofort “Ohhh Kalte Hände”. Sie: “ja hatte ich immer schon”. Darum reib ich sie immer, wenn ich zu den patienten gehe”.
Sie war also immer schon eine Außenseiterin und anders als andere. Trotz der Kälte, die sie erfährt, ist es ihr wichtig anderen Wärme (“darum reib ich sie immer”) zu geben. Das ist eine risen gabe, die heute eigentlich kein Mensch mehr besitzt (jeder denkt nur an sich und seine Krriere und wie er weiter kommen kann im Leben).
Gleichzeitig sind die Hände von Maria also quasi abgestorben und trotzdem können sie heilen, wie man am Ende sieht (Herr Liebermann).
Aber auch das wird logisch aufgeklärt. In der zweiten Szene ganz am Anfang mit Maria kommt ein Arzt vorbei und nuschelt: “beachten sie bitte die neue Medikation bei Liebermann”. Es war also doch die Medizin und das neue Medikament, dass da gewirkt hat. Trotzdem war es genauso Maria, die eben für den Patienten da war und ihm Mut gemacht hat (“ich habe Frieden gefunden”) = sozialer und hilfsbereiter Gesichtspunkt. Der Körper hat sich dadurch erholt. Auch kann man da den kirchlichen Aspekt da hineininterpretieren. Maria ist ja sttreng gläubig und unter Gläubigen wird einem oft die Hand aufgelegt bzw. der andere berührt = Segen schenken. In manchen Kliniken wird das Händeauflegen sogar offiziell benutzt und durchgeführt. Es kann aber auch eine mystische Symbolerzählweise darstellen wie in Green Mile. Also auch diese “Wunderheilung” lässt sich durch alle möglichen Themen und Zutaten, deren sich der Film bedient, interpretieren. Welche man nun auswählt, bleibt jeden selbst überlassen. Der Film ist in keine Schublade zu stecken !
Es soll wohl auch so eine Art Gerechtigkeit darstellen, wie am Ende bei The Green Mile mit Mr Jingles (da fällt mir gleich der nächste Gegensatz / Ironie) auf. Maria geht selbst zur Grunde und hat es nicht mehr geschaft (trotz verzweifelten Kampf und allen Anstrengungen) aus ihrem dunklen Leben herauszukommen. Ganz nebenbei hat sie aber einen totgeglaubten patienten in die Welt zurückgeholt. Das ist vergleichbar mit Mr Jingles am Ende von green Mile. Die beiden Filme steigern sich ständig an Dramatik, Trauer und Erschütterung und am Ende gibt es dann doch noch ein klitzekleines Happy End ! Wenn auch nicht für die Hauptperson.
In dem Film gibt es noch so viel herauszuarbeiten und es verstecken sich in den vielen stillen Bildern und wenigen Sätzen viele wichtige Aussagen. Es ist aber letztendlich ein Film bzw. eine Folge wie “Norbert” damals mit Batic und Leitmayr. Er ist exakt so aufgebaut und hat auch den gleichen Inhalt. Ich nenne das immer: Die Geschichte vom kleinen Maulwurf. Wenn er an die Oberfläche will, muss er graben und graben und wenn er oben angekommen ist, will ihn keiner haben. Oder auch: Die Geschichte vom kleinen Maulwurf, der sehen wollte (aus der ZDF-Serie “Freunde Fürs Leben” – auch eine Weltklasse-Produktion, die sehr viel wahres und berührendes beinhaltete). Maria ist eben eine Außenseiterin und kommt aus ihrem dunklen Leben nicht raus, sondern es spitzt sich immer mehr zu. Und das traurige ist eben, dass das einem kleinen Maulwurf passiert. Der Kontrast zwischen dieser so herzesguten Person (es hätte auch niemand anders spielen dürfen und Können wie Anna Maria Mühe) und den qualvollen und schrecklichen Erlebnissen, die sie hat, ist gespentisch und für den zuschauer nicht “nachvollziehbar”! Das macht den Film aus. Der Rest (Klinik, Glaube, Exfreund und Abtreibung) sind eher die Zutaten und lassen das ganze real wirken. Um diese Sachen gehts garnicht so, wobei auch hier versteckte Aussagen drin sind (sozial – besser miteinander umgehen, Klinik – Lage dort nicht optimal usw.). Im Vordergrund steht aber nur Maria mit ihrem Seelenleben. Deswegen auch “Rabenherz”, im Sinne von Pechvogel, Unglücksrabe, Tollpatsch, “armes Schwein”. Sie ist eben wie ein Rabe, der alleine auf einem Ast sitzt.. Irgendwie hat er was majestätisches und trotzdem bemitleidet man ihn irgendwie (wieder ein gegensatz / Ironie).
Der Film hat das Zeug dazu, um im Deutschunterricht durchgenommen zu werden. Irgendwie erinnert mich das auch an Biedermann und die Brandtifter.
Der Wahlberliner
30. Juni 2011
Hallo Mark nochmal,
den Teil hatte ich zunächst gar nicht gesehen und ihn kurz nach den beiden anderen erst freigegeben. Mit der Medikation hast du absolut recht, ich sehe es auch als ein Zusammenwirken von beidem, dass Liebermann überlebt – der neuen Medikation und von Marias Art, mit ihm als Patient umzugehen. Man hat es vorsichtshalber aber
medizinisch unterlegt, damit die Ärzteschaft den Film nicht zu sehr zerreißt. Die Szene mit der neuen Medikation war mir übrigens beim Anschauen entgangen. Ich habe später darüber gelesen, weil die kurze Szene einem Teilnehmer im “Tatort-Forum” aufgefallen war und er sie so gedeutet hat wie du. Ich wollte das aber nicht mehr nachträglich in die Rezension einbauen, weil es nicht meine Erkenntnis war. Was das Rabenherz angeht, da gibt es offenbar eine noch tiefere Deutung, die sich aus der Mystik ableiten lässt. Schau mal in die Diskussion zu “Rabenherz” im Tatort-Forum, die diskutieren sich da richtig in einen Wirbel hinein. Interessant, was dieser Tatort alles auslöst.
Viele Grüße
Alexander Platz