Kurzkritik:
„Die Brücken am Fluss“ ist einer der bekanntesten Liebesfilme der 90er Jahre, der zwei Schauspielergiganten zusammengeführt hat. Meryl Streep war längst für die großartigen Charaktere bekannt, denen sie Leben einzuhauchen vermochte.
Deswegen war es vor allem Clint Eastwoods differenzierte Darstellung des Fotografen Robert Kincaid, die besondere Würdigung fand, da Eastwood in seinen Blockbustern bis dahin eher der schweigsamen Männerwelt der Western und Polizeifilme verhaftet war.
Mittlerweile hat er aber als Schauspieler wie als Regisseur längst gezeigt, wie differenziert er spielen kann. Deswegen wirkt seine Darstellung in “Die Brücken am Fluss” heute noch sehr gut, aber nicht mehr so erstaunlich. Außerdem ist er seinem Typ durchaus treu geblieben. Ein Mann der eher knappen Worte und einsamer Wolf. Das wiederum hat er großartig hinbekommen, diesen Charakter in einem Film zur Geltung zu bringen, der Sprechen nicht durch Aktion ersetzt.
Die Handlung ist sehr linear und psychologisch nachvollziehbar. Eine Frau wohnt mit Familie in der Einöde des typischen Mittleren Westens der USA und sehnt sich nach mehr Emotionen. Vielleicht ist man deswegen auf die Idee verfallen, sie (der Buchvorlage entsprechend) als italienischstämmig darzustellen. Notwendig wäre das nicht gewesen, um sie zu verstehen und ihren Wunsch, einmal auszubrechen. Es soll aber sicher dazu dienen, ihren Wunsch nach mehr Emotion und Farbe in ihrem Leben zu unterstreichen, denn sie ist eine Fremde, nicht in dieser eintönigen Umgebung aufgewachsen, mit Sehnsüchten ausgestattet, die in diesen Ländereien vielleicht nicht jede Frau hat.
Man hat die Romanze Streep / Eastwood in eine Rahmenhandlung eingebettet, die nach dem Tod von Francesca (Meryl Streep) angesiedelt ist und in der ihre Kinder anhand ihrer Tagebücher wichtige Erkenntnisse gewinnen. Dazu mehr in der ausführlichen Rezension.
Ein schöner, stiller Film, man hat konzentrierte Bilder gefunden, um ein simples, aber zu jeder Zeit Kinostoff bietendes Thema mit erstklassigen Schauspielern auf die Leinwand zu bringen.
Inhalt:
Nach dem Tod von Francesca Johnson ordnen ihre Kinder Carolyn und Michael deren Nachlass. Ihre Mutter hat in ihrem Testament verfügt, sich einäschern und ihre Asche von der Roseman Bridge verstreuen zu lassen. Die Kinder wundern sich darüber und stoßen bei ihren Nachforschungen auf ihnen bisher unbekannte Fotos von ihrer Mutter aus dem Jahr 1965. Aus einem ihrer Briefe erfahren sie, dass ihre Mutter damals eine Affäre mit einem Fotografen hatte, der 1982 verstarb und ebenfalls verfügte, dass man seine Asche von der Roseman Bridge verstreuen solle. Michael ist zunächst empört, möchte aber genau wie Carolyn mehr darüber wissen. In den drei Tagebüchern ihrer Mutter lesen sie, was sich damals zugetragen hatte.
Die ursprünglich aus Italien stammende Francesca Johnson ist 1965 eine Farmersfrau Mitte 40, die mit ihrem Mann, der 16-jährigen Tochter und dem 17-jährigen Sohn auf einem kleinen Gut in Winterset, Iowa, lebt. Als ihr Mann mit den beiden Kindern für vier Tage zu einer Landwirtschaftsausstellung nach Illinois fährt, bleibt Francesca allein zurück. Sie widmet sich ihrer Alltagsarbeit, als ein Autofahrer vorbeikommt, um sie nach dem Weg zu fragen. Der Unbekannte ist Robert Kincaid, ein Fotograf aus Bellingham, der für National Geographic die überdachten Brücken von Madison County fotografieren soll.
Nach einem vergeblichen Versuch, den Weg mit Worten zu erklären, begleitet Francesca den Fremden kurzerhand zu der gesuchten Roseman Bridge. Auf der Fahrt dorthin kommen sie ins Gespräch. Francesca ist skeptisch und fasziniert zugleich von Roberts lockerer und weltoffener Art. Wieder daheim, bittet sie ihn, auf einen Eistee mit ins Haus zu kommen. Schließlich bleibt er sogar zum Abendessen. Francesca fühlt sich mehr und mehr zu Robert hingezogen. Sie entdeckt durch ihn ihre eigenen, verloren geglaubten Sehnsüchte, für die in ihrem Familienleben kein Platz mehr zu sein schien. Trotz gegenteiliger Beteuerungen ist sie mit ihrem Leben unzufrieden. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem damals in Italien stationierten Mann nach Amerika kam, hatte sie sich das hiesige Leben anders vorgestellt, zumal sie außerdem für ihren Mann ihre Stellung als Lehrerin aufgegeben musste, da dieser nicht wollte, dass sie arbeiten ging.
Nach und nach erfährt sie mehr über Roberts unbehaustes Leben. Er ist ungebunden, viel in der Welt unterwegs und war auch schon für ein paar Tage in ihrer italienischen Heimatstadt Bari. Francesca ist begeistert, empfindet aber angesichts ihres eigenen einfachen Hausfrauendaseins gleichzeitig Minderwertigkeitskomplexe. Nachdem es wegen ihrer unterschiedlichen Lebensentwürfe zu einer kleinen Missstimmung kommt, reist Kincaid wieder ab. Francesca bereut es, ihn vertrieben zu haben, und fährt, um ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, zur Roseman Bridge, die Kincaid am folgenden Morgen fotografieren will.
Am nächsten Tag findet Robert die Nachricht und verabredet sich mit ihr für den frühen Abend an der Brücke. Während sich Francesca im nahe gelegenen Des Moines ein neues Kleid kauft, wird Kincaid zufällig Zeuge, wie Lucy Redfield, eine Frau, die einmal eine Affäre mit einem anderen Mann hatte, jetzt von allen im Ort schief angesehen und angefeindet wird. Robert hat Angst, dass er Francesca in ähnliche Schwierigkeiten bringen könnte, und bietet ihr an, das Treffen abzusagen, doch Francesca lässt sich nicht davon abbringen.
Am Abend kommen sich die beiden näher und verbringen die Nacht miteinander. In den nächsten zwei Tagen nutzen sie die verbleibende Zeit für gemeinsame Ausflüge in die Umgebung. Dann geraten sie in Streit, weil Francesca fürchtet, nur eine von Kincaids vielen Affären zu sein, die er ihrer Meinung nach in aller Welt hatte, und ihm vorwirft, ein Eigenbrötler zu sein, der Angst habe, sich zu binden. Robert aber meint es ernst mit ihrer Beziehung und bittet sie, mit ihm zu kommen. Obwohl Francesca Robert liebt, will und kann sie jedoch, aus Rücksicht auf ihre Familie, ihr bisheriges Leben nicht aufgeben. Als sie einige Tage später mit ihrem inzwischen zurückgekehrten Mann in der Stadt ist und Robert unmittelbar vor seiner Abfahrt aus Madison County noch ein letztes Mal sieht, macht sie sich Vorwürfe, ihm ihre wahren Beweggründe nicht deutlicher gemacht zu haben. Sie beschließt, Kontakt zu der von allen gemiedenen Lucy Redfield zu suchen, mit der sie fortan eine tiefe Freundschaft verbindet.
Erst vierzehn Jahre später, nach dem Tod ihres Mannes, versucht Francesca wieder Kontakt zu Robert aufzunehmen, kann ihn jedoch nicht ausfindig machen. Nach drei weiteren Jahren erhält sie Post vom Kincaids Anwalt und erfährt, dass Robert gestorben sei und ihr alle seine Habseligkeiten hinterlassen habe.
Durch die Lektüre der Tagebücher können die Kinder ihre Mutter nun besser verstehen und kommen, gemeinsam mit Lucy Redfield, Francescas Wunsch nach, ihre Asche in den Fluss unterhalb der Roseman Bridge zu streuen (ausführliche Zusammenfassung aus der deutschen Wikipedia.)
Rezension:
- Die Figuren in einer simplen Handlung
Obwohl der Film mit dem Rahmen beginnt, in dem die Kinder der nunmehr verstorbenen Francesca, die Tochter Carolyn Johnson (Annie Corley) und Michael Johnson (Victor Slezak) zu Wort kommen, möchten wir mit dem Liebespaar Francesca Johnson (Meryl Streep) und Robert Kincaid (Clint Eastwood) beginnen.
Da entspinnt sich eine feine, in Zwishentönen angelegte Romanze zwischen einer Hausfrau, die sich nach dem zweiten Weltkrieg freiwillig vom farbenfrohen Italien in die Midwet-Einöde der USA begeben hat und dort tapfer als Familienmittelpunkt wirkt. Da ist aber immer eine Sehnsucht in ihr geblieben und der fürs National Geographic Institute durch die Welt ziehende und die Welt in schöne Fotos bannende Abenteurer Robert Kincaid ist die perfekte Projektionsfläche für diese Sehnsucht. Das wirkt auf den ersten Blick klischeehaft, und auch während des Films können auch diese großartigen Schauspieler nie ganz verleugnen, dass hier psychologisch ein wenig grob geschnitzt wurde, aber sie geben dem Gezeigten Authentiztität. Die langsame, skeptische Annäherung, der einmalige Höhepunkt und auch die Rückkehr in die Normalität, die Francesca vollzieht, das alles glauben wir nicht nur, wir wissen, dass es diese Muster gibt.
Deswegen fanden wir die Rezensionen auch zum Schmunzeln, auf der Männer, die sich offenbar persönlich angegriffen fühlten, über die Moral der Frau herzogen. Ja, die Langweiligen werden ab und zu betrogen, aber nicht selten bleiben die Frauen ja am Ende bei ihnen. Und zwar dann, wenn diese Männer ehrlich, dauerhaft und verlässlich sind. Aber für einige Tage, vielleicht auch für länger, mehr zu erwarten und sich dann auch zu gewähren, das ist menschlich verständlich und wird von Streep / Eastwood sehr glaubhaft dargestellt. Keine Übertreibungen, keine emotionalen Erdbeben, nur ein Spiel von Anziehung und – nach einmaliger Abstoßung – von Erfüllung für einen kurzen Moment.
Die Roseman-Brücke, die dem Film als Titelmotiv dient, symbolisiert diese beiden Welten des Heimatlosen und der Geerdeten, die sich für einen Moment auf dieser Brücke berühren und zusammenfinden, bevor sie sich wieder voneinander lösen – und das für immer. Nicht selten bricht jemand auch endgültig aus, aber die hier gezeigte Variante ist in konventionellen, konservativen Verhältnissen sicherlich die häufigere und für uns war es faszinierend, dabei zuzuschauen, wie sich ein Gefühl entwickelt und zu einer kurzen Romanze führt. Ob es wirklich Liebe ist, hängt von der Definition des Wortes ab. Francesca wird auch ihren Mann auf ihre Weise lieben.
2. Exkurs: Der psychologische Hintergrund der relativ niedrigen IMDb-Bewertung seitens amerikanischer Männer
Man hätte den Film wohl in der IMDb, die wir gerne als Referenz heranziehen, wohl noch höher gewertet, wenn nicht für einige Menschen dieser Ausbruch der Frau irritierend und unmoralisch gewesen wäre. Der Film wurde von Frauen höher bewertet als von Männern, das liegt beinahe auf der Hand. Und, noch signifikanter: Im Ausland wesentlich höher als in den USA. Auch das scheint uns ganz und gar logisch. Denn vor allem männliche Amerikaner, die oft dem Typ des hier betrogenen Ehemannes entsprechen dürften, mögen den Film nicht. Und das, obwohl in der Rahmenhandlung der ebenso eingestellte, typische Midwest-Moralamerikaner Michael Johnson, der Sohn, eine Wandlung erfährt. Nachdem er mit seiner Schwester das Tagebuch der Mutter gelesen hat, ist er geläutert und versteht deren Motive. Noch deutlicher kann man als Filmemacher nicht darum bitten, nicht dafür werben, dass ein Mensch wie Francesca in seinen Motiven respektiert wird – und doch. Die Befürchtung, dass sich die hier angesprochenen Männer nicht aus der Wagenburg bewegen, ihre emotionalen Defizite sehr wohl spürend, die sich eben nicht durch Francescas verfilmtes Tagebuch milder stimmen lassen wie deren Sohn, ist nicht weit hergeholt. Sehr schade, aber im Allgemeinen und besonders angesichts des konservativen Klimas während der Bush-Zeit auch nicht verwunderlich.
3. „Die Brücken am Fluss“ ist keine Aufforderung, sich zu erheben
Dabei zementiert dieser zwischenzeitliche Ausbruch einer Frau wie Francesca die Verhältnisse ja eher, als dass er sie ändert. Denn wenn es einer Frau ausreicht, für ein paar Tage in eine andere Welt blicken zu dürfen und danach wieder alles beim alten ist, dann ist die Ordnung nicht gefährdet. Jedenfalls werden sich nur wenige Männer aufgerufen fühlen, ihre emotionale Aufstellung zu überprüfen, wenn sie nicht ohnehin eher nachdenklich und empathisch veranlagt sind. Dafür ist das alles hier viel zu subtil. Wir haben den Verdacht, nicht nur in den USA reicht es in weiten Landstrichen immer noch aus, wenn ein Mann kein ausgemachtes Arschloch ist, auch wenn er sonst nicht viel zu bieten hat, was nicht jeder andere Mann auch zu bieten hätte. Deswegen ist der Film strukturkonservativ, was die Binnenhandlung angeht. Die Rahmenhandlung, die in der Jetztzeit von 1995 spielt, gibt aber einen Verweis – die Veränderung der Ansichten des Sohnes und der endgültige Ausbruch der Tochter aus einer unglücklichen Beziehung nach dem Ende der gemeinsamen Tagebuch-Studien übertragen das, was der Film zeigt, in heutige Denk- und Verhaltensmöglichkeiten. Damit wird auch eine mögliche gesamtkonservative Aussage des Films durch die Rahmenhandlung korrigiert.
Natürlich, nicht jeder Mann kann eine verwegene Projektionsfläche sein, insofern sind die teils wütenden Reaktionen von Durchschnittsmännern auf den Film verständlich. Aber es ist wahr und mehr will der Film erkennbar nicht sagen, dass es verschüttete Gefühle gibt. Das wird auch umgekehrt der Fall sein, wenn Männer einer Frau begegnen, die ihre lange gehegten Träume spiegelt und sie aus der Alltagswelt für einen verzauberten Moment entführt.
„Die Brücken am Fluss“ ruft aber nicht zwangsläufig zum Sprengen der Ketten auf. Bewusst ist die Beziehung der Tochter nicht mit der ihrer Eltern vergleichbar beschrieben, sondern durch fortwährende Untreue und ihres Ehemannes gekennzeichnet. Dass hingegen Michael vom bornierten Moralisten während der Tagebuch-Sitzungen zum verständnisvollen Empathiker mutiert, ist ein wenig holzschnittartig, wir geben es für gut, weil es zu dieser Bitte um Verständnis für Francesca gehört, die der Film ausspricht und die man hier berechtigterweise und in Kenntnis des amerikanischen Publikums sehr deutlich in den Vordergrund gestellt hat.
Im Grunde ist alles ein Deal, scheint es in diesem Film. Sicherheit und Verlässlichkeit sind durchaus wichtige Werte, und damit die Erhaltung einer langjährigen, erprobten Beziehung, die beiden Seiten diese Sicherheit gewährt. Dafür gewinnt jemand, der lange Zeit ein Defizit an Romantikerfüllung mit sich herumträgt, das Recht, ein- oder zweimal im Leben diese Erfüllung zu beanspruchen. Egal, ob Frau oder Mann.
4. Stil
Man muss die exzellente Bilder erzeugende Kamera erwähnen, dazu werden viele Lieder aus den 60ern gespielt und in Bezug zur Handlung gesetzt. Immer erklingen sie entweder aus Francescas Wohnung in der Küche oder aus dem Autoradio von Robert Kincaid. Obwohl die Atmosphäre trotz der Dekors nicht überragend zeitgebunden ist, entsteht auf diese Weise ein Gefühl für die Epoche und für den weiten, dünn besiedelten Raum, in dem es aber immerhin einen Jazzclub mit Lifemusik gibt.
5. Fazit
Ein sehr schöner Film über eine kurze Begegnung, die zur Romanze wird. Die Handlung ist so einfach, dass ihre Logik nicht gesondert betrachtet werden muss. Die Logik der Gefühle hingegen stimmt und das macht „Die Brücken am Fluss“ aus. Dass die Entwicklung der Romanze zwischen Francesca und Robert authentisch wirkt.
Wir werten den Film mit 8/10
dWB/AP/11-04-24/Publiziert 11-05-16
Geschrieben am 16. Mai 2011
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