Wir schreiben nun den Artikel nicht in Englisch, er ist ja für heimische Leser gedacht.
Aber können wir uns ganz raus halten, an diesem Tag der “Hochzeit des Jahrzehnts”, der Verehelichung von Prinz William und Kate Middleton?
Die Antwort ist: natürlich nicht. Wer zu Tschernobyl und Fukushima etwas schreibt, kann das britische Königshaus nicht ignorieren, als ob es mit diesen Katastrophen nicht vergleichbar, sondern ein Tatbestand minderen Interesses wäre. Ein Scherz, bitte.
Vorweg: Wir mögen die Briten. Das ist ein klares Bekenntnis. Sie sind zynisch und laut und prollig. So sind die Deutschen. Vielleicht weniger zynisch, aber dafür noch mehr vom anderen. Vielleicht sind da doch die uralten, gemeinsamen Gene am Wirken. Dass die Insulaner so eine herrliche Hassliebe zu uns pflegen, das finden wir im Grunde auch ganz witzig. Wer schon mal dort war, weiß: es wird alles nicht so heiß gegessen wie in den Massenmedien gekocht, es sei denn, man kommt als lebendiges Nazi-Klischee daher. Wir schauen öfter in den Foren anderer Länder nach, wie das allgemeine Volk dort über uns denkt. Da kommen die Briten vergleichsweise gut weg. Und sind manchmal gar nicht so überragend selbstbewusst, wie man immer meint, wenn man sieht, wie sie ihre Geschichte zelebrieren.
Und, wenn man einer BBC-Umfrage glaubt, ist die königliche Hochzeit 78 % der Briten ziemlich bis vollkommen egal. Was man anhand der zu erwartenden Massen, die sich heute auf den Weg machen werden, um das Ereignis live zu betrachten, nicht widerlegen kann. Es werden viele Touristen dabei sein, zum anderen wären selbst eine Million Zuschauer, allesamt Briten, nicht einmal 2 % der Bevölkerung.
Kritische Journalisten in Großbritannnien, wie Polly Toynbee, die für die deutsche ZEIT einen Artikel zum Thema geschrieben hat, sehen die Monarchie nicht nur als Institution rückständig, sondern auch als Übel an, das die Briten mental auf infantilem Niveau hält. Das ist eine sehr harte Kritik an den eigenen Landsleuten, sicher auch durch die desillusionierende wirtschaftliche Lage dieser Tage ausgelöst. Andererseits: Wir schätzen das. Und meinen gerade deshalb, die Briten sind durchaus realistische Leute. Sie können gut über andere herziehen, aber wer das werten will, muss wissen, sie gehen auch mit sich selbst sehr ironisch und gar nicht zimperlich um. Nicht zuletzt diese Eigenschaft hat uns unglaublich witzige Filme und überhaupt den britischen Humor beschert.
Daraus sollte man nicht ableiten, dass die Briten die königliche Hochzeit in der Hauptsache als einen humoristischen Beitrag zur Tourismuswerbung ansehen. Wir glauben Polly Toynbee durchaus, dass ihre Landsleute imperiale Muster in ihrer vielschichtigen Mentalität bewahrt haben. Wir glauben ihr auch und hören es gerne, dass Länder, deren Identität und deren Selbstverständnis so nachhaltig erschüttert wurden, wie das in Deutschland der Fall war, moderne, mehr an den drängenden Fragen der Zukunft orientierte und bürgernähere, im Ganzen sogar demokratischere Gesellschaften sind als die älteste Demokratie der Welt.
Wenn Polly Toynbee allerdings über Chancengleichheit referiert und es schick findet und dem Klischee entsprechend, dass ein so an Tradition orientiertes Land wie Großbritannien per se auf Chancengleichheit wenig Wert legt, muss man etwas bremsen – auch in Deutschland spielt die Herkunft eine große Rolle, wenn es um Chancen auf gute Bildung und gute Arbeit geht, darauf weist die von der Verfasserin genannte OECD hin. Darin unterscheidet sich Deutschland nicht sehr von Großbritannien, auch wenn es eine neuere, vordergründig bürgerliche Elite ist (neben den alten Adelshäusern, die durchaus auch hierzulande noch weit mehr Einfluss haben, als es ihre geringe Zahl an Mitgliedern vermuten lässt), die in Deutschland den Ton angibt.
Und das ist doch einer Gesellschaft und den von ihr gewählten Politikern stärker anzulasten, die sich für modern hält und gerne egalitär wäre als einer, die sich bewusst fürs Ständische entschieden hat und in der es noch immer ein nicht von Bürgern gewähltes Oberhaus mit erheblichem Einfluss als Vertretung der privilegierten Stände gibt.
Dabei sind viele durchaus richtige Erkenntnisse kein Grund zur Überhebung, sondern Teil einer inneren Mission, die man nur aus historischer Schuld und Verantwortung begreifen kann. Hätte es die grundlegende Zäsur des Zweiten Weltkrieges in Deutschland nicht gegeben, wäre auch unsere Mentalität eine andere und weit weniger hinterfragend. In Großbritannien gab es keine Brüche, historisch gesehen kann das Land von sich behaupten: alles weitgehend richtig gemacht, den unvermeidlichen Verlust des Empires haben wir dabei auch überstanden und trotzdem die Würde bewahrt.
Die Frage ist also, ob die Briten, wie Polly Toynbee behauptet, wirklich wegen ihrer Monarchie ein wenig hinter bestimmten Entwicklungen zurück sind. Sie führt alle möglichen Negativbeispiele von Monarchien an, deren Oberhäupter zur heutigen Hochzeit eingeladen sind und die das Image der britischen Monarchie durch ihre Anwesenheit beschädigen könnten. Lässt dabei aber andere ganz außer Acht, dass es ganz andere Beispiele direkt vor der Haustür gibt, deren Repräsentanten gewiss auch dabei sein werden.
Hält jemand die skandinavischen Länder, allesamt konstitutive Monarchien wie Großbritannien, ernsthaft für rückständig? Und hat man den Eindruck, die dortigen Königshäuser sind in irgendeiner Weise für die Weiterentwicklung der Länder schädlich? Im Gegenteil, wir schauen immer mal wieder nach Norden und wären froh, unsere Gesellschaft wäre so gut aufgestellt wie es dort vollkommen normal ist. Bildung, Arbeit, Soziales und vor allem: Chancengleichheit. Alles auf höchtem Niveau.
Auch deshalb sollten wir bescheiden sein und ein wenig nachdenken, bevor wir Symptome, Ursachen und alle möglichen Dinge miteinander verwechseln, die gar nicht kausal für die Aufstellung einer Gesellschaft im Jahr 2011 sein müssen. Zum Beispiel, ob ein politisch mit wenig Macht ausgestattetes, vorwiegend repräsentatives Staatsoberhaupt nun gekrönt ist wie eh und je, oder ob es, wie in Deutschland der Bundespräsident, von Volksvertretern in Vertretung des Volks gewählt wurde. Wir haben in Europa sowieso ein gemeinsames Schicksal, gleich, ob wir Traditionen pflegen, weil wir sie als positiv ansehen oder sie negieren, weil sie viel Leid mit sich brachten, wie etwa der deutsche Untertanengeist. Wir sind durchaus kulturell eng miteinander verbunden, wenn man es im Weltmaßstab betrachtet.
Alle europäischen Länder werden sich mit ihrem Bedeutungsverlust abfinden müssen und wohl auch damit, dass andere, die bislang zu kurz kamen, erst einmal konsumieren wollen, bevor sich irgendwann der ökologisch-demokratische Verstand einschaltet. Die Briten können mit einer sich verändernden Rolle ihres Landes durchaus umgehen, so unser Eindruck. Besser als Deutschland, das sich mit wirklich lächerlicher Außenpolitik einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat erkämpfen will, anstatt sich dort richtig stark zu machen, wo es um besseres Wirtschaften für die Zukunft geht und dabei nicht jedesmal vor den Freunden direkt an der Westgrenze einzuknicken. Da wünscht man sich manchmal eine britische Politk. Einfach der Klarheit wegen.
Die Zukunft sollte eher so aussehen, dass es nur noch einen einzigen Sitz für die gesamte EU gibt und eine tatsächlich europäische Außenpolitik. Dann müssten die Briten etwas abgeben, ebenso die Franzosen. Wir haben den Eindruck, dass es den monarchischen Briten letztlich leichter fallen würde als einer Republik, die sich selbst und ihre gewesene Größe sehr ernst nimmt. Und bei diesem Realismus spielt sicher keine negative Rolle, dass es auch immer wieder Highlights gibt, die einfach schön bunt und folkloristisch daherkommen und die in schwierigen Zeiten hilfreich sind. Intellektuell mag man die Wirkung einigender Symbole in Frage stellen, gerade aus deutscher Sicht, aber darüber zu urteilen, ob sie für andere Nationen mit anderer Geschichte richtig sind, wäre wieder typisch deutsche Überheblichkeit.
Wirtschaftlich ist das Ganze wohl ein (weiteres) Desaster. Zwar rechnen die Einzelhändler in London mit über 500 Millionen Euro Mehreinnahmen durch den verstärkten Tourismus, aber der zusätzliche Feiertag wird die britische Wirtschaft wohl mehr als das Zehnfache kosten. Aber auch diese Erkenntnis werden die Briten mit ihrem ureigenen Humor nehmen. Die Royalisten ebenso wie vielen anderen.
Wir sind jetzt sehr sorry, dass wir so wenig zum eigentlichen Ereignis geschrieben haben. Aber dafür gibt es andere Medien. Und es nimmt ja bereits seinen Lauf. Wir sind sicher, die Zahl derer, die den heute Wahlberliner besuchen, wird relativ niedrig sein. Obwohl unsere Leser doch allesamt denkende Menschen sind, die sich nicht von Pomp and Circumstance einwickeln lassen. In journalistischen Beiträgen setzt man keine Grinser.
dWB/AP/11-04-29
Geschrieben am 29. April 2011
0