Yesterday überspannt Jahrzehnte – LiteraTour (3) / Rezension

Veröffentlicht am 5. April 2011

1


Für alle, die in den Sechzigern aufgewachsen sind, in den Sechzigern geboren wurden, von ihren Eltern oder bereits den Großeltern aus den Sechzigern erzählt bekamen, haben wir möglicherweise das passende Buch gefunden.

Eine gewisse Affinität zu den Beatles ist von Vorteil, aber keine Bedingung.

Es heißt Yeahsterday. Eine Anthologie aus 34 Texten, die allesamt um die Beatles kreisen wie die Motten um das Licht. Lichtgestalten waren die Beatles zu ihrer Zeit für manchen Jugendlichen. Das kommt in den Texten sehr schön zum Ausdruck. Der Titel ist eine Zusammenfügung aus dem Refrain „Yeah, Yeah, Yeah“ von „She loves me“ (1963) und – natürlich – „Yesterday“ von 1965. Zwei sehr verschiedene Lieder, wobei Letzteres nicht etwa einen Zyklus abschließt, die aber thematisch entgegengesetzt sind und somit symbolisch zwei Stimmungen, Anfang und Ende, verkörpern.

Das tief stehende „T“ im Titel, wie auf dem Cover zu sehen, ist dem originalen Beatles-Logo nachgebildet, die vier Pilzköpfe sind auf den 60er-typischen Regenbogenfarben hübsch grafisch dargestellt.

Die Texte stellen ein Kaleidoskop von kurzen Formen dar, von Kurzgeschichten unterschiedlichen Fiktionalitätsgrades, persönlichen Betrachtungen als Erfahrungsberichte, sogar zwei Gedichte haben Eingang gefunden. Vielseitig, ist der erste Eindruck. Man wollte erkennbar keine stromlinienförmigen, textprogrammatischen Vorgaben umsetzen, sondern den Autoren weitgehend freien Lauf lassen bei ihrer persönlichen Darstellung und Interpretation der Swinging Sixties anhand des Phänomens „Beatles“. Die Ergebnisse sind witzig oder ernst, heiter oder melancholisch, eine Reise durch beinahe jede denkbare Stimmung von Euphorie bis Trauer und wieder zurück.

Selbst junge Autoren haben sich der Sache angenommen und von ihnen stammen einige der interessantesten Arbeiten, weil sie sich nicht zu Reminiszenzen aufgerufen fühlten, sondern erkennbar unbelastet von der Last der Jahre frei assoziiert haben.

Eine weitere Gruppe bilden zum Teil sehr versiert geschriebene Kurzgeschichten klassischer Art, deren Fiktionalität klar erkennbar ist; die sich nicht nur gut lesen lassen, sondern viel Atmosphäre, mithin 60er-Feeling vermitteln.

Die größte Gruppe von Texten ist die persönlich betrachtende – mit  mehr oder minder starkem Einfluss der eigenen Biografie der Autoren. interessant, subjektiv, man kann zum Beispiel anhand dieser Texte gut einen Abgleich mit den eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit vornehmen, wenn man denn damals schon Eindrücke hatte. Repräsentativ für die Jugend jener Zeit sind diese persönlichen Rückblicke nicht, können und sollen es auch nicht sein.

Einige Geschichten aus dem insgesamt guten Mix wollen wir hervorheben, nicht nach den oben erzeugten Kategorien, nach behandeltem Zeitraum oder sonstwie  geordnet, sondern einfach so, wie sie uns (besonders) gefallen haben – ganz im Stil der wilden 60er, in denen sich die Formen und Konventionen aufzulösen begannen und mit dem Maß an Subjektivität, das wir uns einfach herausnehmen, als seien wir noch in den Sechzigern und wütend auf unsere bezüglich der damals jüngsten Vergangenheit bewältigungsresistenten Eltern. Auch dieser Aspekt klingt in mehreren Texten an. Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie nicht nur leicht lesbare Mainstream-Beiträge in „Yeahsterday“ aufgenommen haben. Auch dies trägt dazu bei, dass die Anthologie sehr abwechslungsreich geworden ist.

Nun aber zu unseren Lieblingen unter den 34.

„Komm, gib mir deine Hand“ lautet der Titel einer der beiden Geschichten, welche von der Mitherausgeberin Elke Schleich stammen. Er ist programmatisch. Die Autorin nimmt uns an die Hand, damit wir erst einmal die Sechziger wieder richtig spüren. Große Atmosphäre in einfachem Ruhrpott-Milieu, wunderschön gezeichnete Jugendliche, da stimmt jedes psychologische Detail und die Sicherheit des bewusst schlicht gehaltenen Stils passt wundervoll zum Inhalt. Die schönste richtige Kurzgeschichte im Buch. Und weil sie das vielleicht mehr als alle anderen allgemeingültige Statement zur Welt der frühen 60er in den Ballungsgebieten der Bundesrepublik darstellt, hätte sie für uns an den Anfang des Buches gesetzt werden können. Überhaupt hat man, entgegen gängiger Anordnung von Sammlungen, Toptexte vorne und hinten zu platzieren, ein wenig den Eindruck, der Peak der Anthologie liegt in der Mitte –  mit dieser Geschichte und einigen Texten aus deren Nachbarschaft.

Dort findet man auch eine in jeder Hinsicht entgegengesetzte Arbeit – Christian Perkos „Cos I’m not gay, motherfucker.“ Schon der Titel verrät, dass es hier anders zur Sache geht. Derb, witzig, sehr originell geschrieben. Auf andere Art ein Highlight – auch wenn der Text einen – sic! – eher lässigen Beatles-Bezug hat, steht er nach unserer Ansicht zu Recht im Buch. Der Autor hat möglicherweise ein Pseudonym nebst launiger Vita genommen und wäre nach dieser zum Zeitpunkt der Textverfassung wohl schon verstorben gewesen. So schlimm ist es aber nun auch nicht mit der krassen Schreibe.

Von diesem kurzen Trip mussten sich vor allem die Lachmuskeln erholen und taten das auf einer besinnlichen, sehr atmosphärisch dichten Reise nach Liverpool mit Karen Grol, die ein fiktiver Jugendfreund von John Lennon im Jahr 1966 in die Penny Lane unternimmt, um diesen wiederzusehen. Die Autorin schreibt präzise und gemäß dieser Art schiebt sie einen Faktenblock nach, der uns nicht im Unklaren darüber lässt, was ist Geschichte und was ist eine Geschichte. Für Leser, die nicht perfekt mit der Materie „Beatles“ vertraut sind, sondern nur ein schönes Buch über die Sechziger lesen wollen, eine gute Sache, die viel Recherche erspart und zügiges Weiterlesen erlaubt. Eine solche Vorgehensweise hätten wir uns bei einigen anderen Texten auch gewünscht, bei denen die historischen Fakten und das Fiktive teilweise ingeniös, aber auch für Nicht-Fachleute unübersichtlich verwoben sind.

Weil wir auf den Geschmack gekommen waren, betreffend gekonnt Vermischtes aus wahr und gedichtet, lasen wir mit Chris Lind, wie die Beatles in Hamburg zu ihren Pilzkopf-Frisuren kamen. Auch hier gibt es den informativen, man kann auch sagen: richtig stellenden Faktenteil am Ende. So dicht wie dieser Text traut sich kein weiterer direkt an die Beatles heran und charakterisiert sie dabei auch noch. Das so zu tun, erfordert Vertrauen in die eigene Schreibe – und das Vertrauen ist in diesem Fall berechtigt.

Zwei Häuser neben Chris Linds Hamburger Kaiserkeller fällt man in eine Bar, in der ein Walross und ein Honigkuchenpferd einen kryptischen Dialog führen, den Jürgen Miedl aufgeschrieben hat. Da braucht man ein paar starke Getränke, denn der Dialog strengt ganz schön an. Aber irgendwann merken wir, dass hier auf sehr virtuose Art ungeheuer viele Zitate aus Beatles-Liedern zu einer witzigtraurigen Konversation zum Thema Liebe und Beziehungen verwoben wurden. Zunächst dachten wir, die Schreibe passt doch nicht zu einem Jürgen. Aber der Autor war bei Verfassen des Textes erst 22 Jahre alt. Die Österreicher sind bei der Vornamensvergabe nicht so modehörig wie wir. Starke Leistung. Einen ähnlichen Ansatz hat Desmond Jones alias Olaf Trint gewählt. Schnörkelloser und mit einem Hammer als Endpointe. Für beide Beiträge gilt: Kann man nur schreiben, wenn man ein gutes Verständnis für die Originaltexte hat.

Nach so viel Abstraktion stand uns der Sinn nach Dokumentarischem. Nun klingt der Titel „Finger weg!“ nicht gerade dokumentarisch, aber der Autor Amadeo Mena Vicente hat den für uns glaubwürdigsten engen und realen Bezug zu den Beatles im Buch hergestellt, indem er die Faszination für sie aus der Sicht eines heutigen „semiprofessionellen Musikers“ (Angaben zur Vita) beschreibt. Der Text hat eine besinnliche Note und stärker als hier ist diese in Anja Labusseks „Pilzkopforakel“. Wieder eine jener leisen, sehr gekonnt verfassten Geschichten, die wohl komplett fiktional sind, aber gerade dadurch Wesentliches mitteilen, dass sie sich auf die Story konzentrieren und keine Faktenhuberei betreiben. In diesem Fall geht es um Zwischenmenschliches zwischen Großmutter und Enkelin anhand einer besonderen Form von Wahrsagerei. Die Großmutter gewinnt einen Sonderpreis als eine der besten fiktionalen Figuren im Buch.

An den erfahrungsgeneigten oder diese Fiktion erzeugenden Texten soll nicht vorbeirezensiert werden, weil sie wichtig und notwendig fürs Gesamtbild der Anthologie und sicher auch der speziellen, beatles-geneigten Sicht der Sechziger sind. Der sprachlich am deutlichsten ausgeformte dieser Beiträge stammtvom Mitherausgeber Holger Dittmann und stellt die Coverstory dar. In seiner etwas stilisierten, sehr politischen Version  vom erwachsen werden in den Sechzigern wird das alte Westberlin als Konfrontationsgrenze zwischen den Blöcken lebendig. Die dezidierte, teils apodiktische Schreibweise hat uns herausgefordert, direkt nach dem Lesen der Geschichte über den Autor zu lesen. Aber gerade der Mitherausgeber leistet sich dort, wo „Vita“ steht, eine launige Befindlichkeitswiedergabe anstatt echter Fakten zur Person. Das hat uns in diesem Fall enttäuscht, anders, als wenn der Text erkennbar freifließend und ohne echten oder suggerierten Zeitbezug geschrieben gewesen wäre. Die folgenden Texte von Bettina Buske und Andrea Noack sind ebenfalls der biografieorientierten Gruppe angehörig – dieses Mal aus Ostsicht (Berlin und Dresden). Zusammen mit dem Beitrag von Holger Dittmann bilden sie sozusagen einen kleinen Zyklus und gehören aufgrund dieser erkennbar gewollten Platzierung als eigenes Kapitel ebenfalls zu den Favoriten.

Wir haben uns gerne an der Hand nehmen lassen, auf dem Weg zurück in die Sechziger, und es wurde eine schöne Reise. Yesterday liegt schon einige Jahrzehnte zurück und es ist wie gestern, wenn man das Buch aus der Hand legt. Selbst, wenn man damals nicht abei war.

Wer diese Reise von Originalmusik und Coverversionen untermalt  und ohne Tonträger machen möchte, kann dies auf diesem Spartensender von Accuradio tun.

Das Buch wurde ursprünglich im Jahr 2006 beim leider der letzten Wirtschaftskrise zum Opfer gefallenen Lerato-Verlag herausgegeben. Dank des Engagements der Herausgeber ist es 2010 von Books von Demand neu verlegt worden (ISBN 978-3-839144-95-4).

dWB/AP/11-04-06

Veröffentlicht unter:01. Bücherwelt, 2. Kultur